Berlin verabschiedet den Winter : Hallo, Frühling!

Von Grillen bis Cabrio: Die ersten Plusgrade erreichen die Hauptstadt und die Temperatur soll weiter steigen. Genau der richtige Zeitpunkt für sechs besondere Saisonrituale, die wir kaum noch erwarten können.

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Ran an den Grill. Endlich hält man’s wieder ohne Handschuhe am Feuer aus.
Ran an den Grill. Endlich hält man’s wieder ohne Handschuhe am Feuer aus.

Grillen ohne Handschuhe

Wie cool! Man steht auf der Terrasse, blickt auf den schneebedeckten Garten – und vor einem brutzeln Koteletts und Würstchen. Das hat schon was. Und ein bisschen Stolz macht es auch. Schließlich gehören die Wintergriller einer ziemlich raren Spezies an. Das sind nämlich diejenigen, die unter freiem Himmel einem klassischen, gemeinhin aber als saisonal begrenzt geltendem Handwerk nachgehen – allen Wetterwidrigkeiten zum Trotz. Und durch die mitleidigen Blicke der Nachbarn erst richtig motiviert werden. Allerdings: Bei der Dauer hiesiger Winter, gefühlt sechs bis acht Monate, machen sich dann doch leichte Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Denn der Job am Grill ist zwischen November und März ein recht einsamer. Familie und Freunde ziehen nun mal die warme Stube vor. Und dann diese Handschuhe! Ohne die kommt man zwar nicht aus. Aber sie sind doch arg hinderlich, wenn es gilt, das Grillgut zu wenden. Bei den angesagten frühlingshaften Temperaturen, die einen Verzicht auf Fingerschutz möglich machen, ist das endlich deutlich einfacher und geselliger. Auch das Bier lässt sich besser halten. Christian Böhme

Tischtennis Spielen

In Berlin kann man so wunderbar spielen. Auch, wenn man schon lange erwachsen ist. Sicher haben nur wenige Städte so viele schöne und interessante Open-Air-Sportgeräte. Tischtennis etwa gibt es umsonst und draußen im Tiergarten, am Lietzensee und an vielen anderen Orten. Alles, was man braucht für einen vergnüglich bewegten Nachmittag, sind Schläger und Bälle. Wer drinnen spielt, mag die ebeneren Tische haben, ganz ohne Sprünge, Zweige und Spuren von Vogeldreck. Aber die Luft ist draußen so schön. Der Duft von frischen Blättern statt staubigem Hallen-Schweißgeruch tut gut. Zum ersten Mal schwitzen in der noch zarten Frühjahrssonne, wenn man erfreulich nah an die 21 kommt, herrlich. Später hat man sich schon wieder an den Luxus gewöhnt. Dann ist es Zeit für Abwechslung in Gestalt von Badminton, Boccia, Frisbee. Ach ja, falls noch Ideen gesucht werden für Stadtmöbel: Picknicktische nach US-Vorbild wären eine gute Ergänzung. Spielen macht hungrig, es muss ja anschließend nicht immer eine Kneipe sein. Elisabeth Binder

Frühlingswetter in Berlin
Löwenzahn im Mai: Diese Aufnahme einer Pusteblume machte der Tagesspiegel-Leser Frank Burkert. Liebe Leserinnen und Leser, wie erleben Sie den Berliner Frühling? Schicken Sie uns Ihr Bild an leserbilder@tagesspiegel.de. Foto: Frank BurkertWeitere Bilder anzeigen
1 von 64Foto: Frank Burkert
16.05.2013 16:53Löwenzahn im Mai: Diese Aufnahme einer Pusteblume machte der Tagesspiegel-Leser Frank Burkert. Liebe Leserinnen und Leser, wie...

Bei offenem Fenster schlafen

In Berliner Altbau-Hinterhäusern hat das den wunderbaren Nebeneffekt des südländischen Flairs – auch wenn es wohl noch etwas dauert, bis die Temperaturen diesbezüglich für Authentizität sorgen. Die Nachbarn streiten nachts um zwei? Alle Anwohner hören mit. Wenn das Gekeife richtig lange dauert, beteiligt sich die Anwohnerschaft dann häufig in gleicher Lautstärke am Dissens. Aber es gibt nicht nur Streit. Denn auch wenn sich die Nachbarn ganz doll lieb haben, kriegt man das mit. Und weil wir in einer Großstadt wohnen, werden wir bei offenem Fenster in der Morgendämmerung dann auch eher vom Gerumpel der Mülltonnen als von Vogelgezwitscher geweckt. Egal, das Fenster muss auf, die Frischluft endlich wieder rein ins Schlafzimmer. Und zwar jetzt! Constance Frey

Weg mit dem Winterdreck. Frühjahrsputz lässt wieder durchblicken. Foto: dpa
Weg mit dem Winterdreck. Frühjahrsputz lässt wieder durchblicken.Foto: dpa

Cabrio fahren

Die im vergangenen Sommer erlittenen Blessuren sind geflickt: das Loch im linken Vorderreifen gestopft, der Riss in der Beifahrertür geschweißt, die Kupplung, die das Schalten nur noch mit hässlichen Zahnradgeräuschen erlaubte, repariert, der Austauschmotor samt Vergaser noch einmal nachjustiert, das Öl gewechselt – die Oben-ohne-Saison kann beginnen.

Vielleicht erst mal die Havelchaussee entlang? Ideal fürs Oldtimer-Cabrio: keinerlei Verlockung zum Rasen, einfach nur unterm laubgrünen Dach dahingleiten, die Sonnenbrille keck auf der Nase, vom warmen Fahrtwind umschmeichelt, rechts den Grunewald, links die Havel – oder umgekehrt. Vogelgezwitscher? Nun ja, das ist allenfalls zu erahnen angesichts des satt röhrenden Auspuffs, von den anderen Geräuschen – Klappern, Quietschen, Knarren – mal abgesehen, die das stattliche Alter so eines Blechveteranen mit sich bringt. Er birgt eben andere Freuden, die am Authentischen beispielsweise, am urtümlichen Fahrgefühl, dazu die am sanften Schwung der Kotflügel, an der Eleganz der endlosen, sachte abfallenden Motorhaube, an all den Details des historischen Designs. Seitliche Ausstellfenster? Gibt es doch heute gar nicht mehr. Und auch der Stolz über bewundernde Blicke am Straßenrand sei nicht verschwiegen, der seinen Höhepunkt findet, wenn man im Straßenverkehr einem gleichen Exemplar begegnet.

Würden sich alle Golf-Fahrer mit lässigem Winken grüßen, hätten sie viel zu tun, und albern wäre es außerdem. Unter Oldtimer-Fahrer gehört derlei zum guten Ton. Andreas Conrad

Rein ins Cabrio. Dach auf, Frischluft um die Nase. Das findet auch Fiffi toll. Foto: picture-alliance/ dpa
Rein ins Cabrio. Dach auf, Frischluft um die Nase. Das findet auch Fiffi toll.Foto: picture-alliance/ dpa

Frühjahrsputz

Es ist erstaunlich, welch beachtliches Chaos sich in den Monaten zwischen Herbstdepression und Frühjahrsmüdigkeit ansammelt. Wenn die ersten Sonnenstrahlen jetzt endlich durchs schlierige Fensterglas brechen, schreit alles nach dem Putzlappen. In der Dunkelheit des Winters fallen die Altpapierstapel, die Staubdecken und Wollmäuse in den Ecken gar nicht auf, aber jetzt? Folglich ist das Bedürfnis, das Heim im Frühling auf Vordermann zu bringen, so alt wie Methusalem. Die Lust oder Unlust dazu auch.

Doch es lohnt sich, nun die Gummihandschuhe überzustreifen, den Wischmopp zu schwingen, fröhlich mit Möbelpolitur und Essigessenz um sich zu spritzen und sich endlich von der großen Altglassammlung zu trennen. Das schafft Platz (schön sauberen noch dazu) und Zeit, weil man sich das ständige Suchen nach diesem oder jenem erspart. Die Zeit lässt sich doch viel besser beim Italiener um die Ecke verbringen, am besten draußen! Ohne Decke oder Heizstrahler! Und das erwirtschafteten Flaschenpfand kann man einfach für einen guten Rotwein ausgeben. Sarah-Maria Deckert

Fotos: dpa (3), Kai-Uwe Heinrich Foto: dpa
Fotos: dpa (3), Kai-Uwe HeinrichFoto: dpa

Den Kopf heben

Endlich wieder hoch schauen, den Himmel sehen, Schluss mit der Ameisen-Existenz. Monatelang ging das so: Die Schultern immer hochgezogen, auch wenn die Physiotherapeutin zum Lockern mahnt. Der Schritt immer eilig, der Panzer fest geschlossen. Blick auf den Boden, um das wintergraue Elend nicht zu sehen und keine Granulatverwehung oder Eisrutschfallen zu verpassen. Die Furcht vor der Eiseskälte im Nacken, die unversehens die Haut großflächig vom Schädel schält. Und dann ist plötzlich alles anders. Von oben tönt der fast vergessene Ruf. Was sag’ ich einer? Viele! Frühlingsflatternde Boten sind da. Kein Straßenlärm schafft es, sie zu übertönen. Sie rufen direkt ins Herz. Das wusste schon Schiller: „Sieh da, sieh da Timotheus – die Kraniche des Ibykus!“ Naja, meist sind es Gänse, aber die wilden, die von Nils Holgersson. Hoch oben am Himmel ziehen sie schnittig in Formation. Und so, wie sie rufen, ist alles wieder möglich, ist alles wieder da: schauen, spüren, hoffen, sehnen, leicht sein, frei sein. Schau’ her, Welt, ich zeig’ Dir mein Gesicht. Gunda Bartels

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