Berlin von oben : Und nun zu den Aussichten

Spektakuläre Architektur, neue Parks, wenig Baulücken. Berlin ist kaum wiederzuerkennen. Oder? Zeit für einen Blick von oben.

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Hinauf, hinauf. Wer auf den Funkturm will, muss zur Masurenallee, einmal durch die Messehalle und durch den Innenhof - dann steht man drunter. Das Restaurant befindet sich in 55 Metern Höhe.Weitere Bilder anzeigen
Foto: André Görke
06.07.2017 12:10Hinauf, hinauf. Wer auf den Funkturm will, muss zur Masurenallee, einmal durch die Messehalle und durch den Innenhof - dann steht...

Wie nah ist fern und wie fern nah? Wer sich vom S-Bahnhof Westkreuz zum Funkturm durchschlagen will, bekommt ein Gefühl für die Relativität der Dimensionen. Erhaben ragt die stählerne Fachwerkkonstruktion in den Himmel und schielt nach den Schäfchenwolken, die wie zum Pieksen nah wirken. Für den Spaziergänger aber scheint der gerade 400 Meter weit entfernte Turm eine kleine Ewigkeit weit weg zu sein. Wie nur bahnt man sich einen Weg durch das Dickicht von Messehalle, Avus und ICC? Kein Hinweis nirgends.

Berlin hat sich verändert. So sehr, dass Menschen, die nach 20 Jahren wieder einmal vorbeischauen, ihre Stadt nicht mehr wiederzuerkennen glauben. Alles so neu und bunt und groß und hoch! Im Osten wie im Westen. Eine neue Stadt mit neuer Skyline, und wo könnte man sie besser erkennen als aus der Luft? Deshalb der Besuch auf dem Funkturm, dem alten und neuerdings so gut versteckten Wahrzeichen Berlins.

Erst mal Richtung Palais am Funkturm, kann nicht verkehrt sein. Da, endlich ein Schild, es weist auf einen grauen Zweckbau. Hinter der Tür warten zwei Männer vom Sicherheitsdienst.

„Na, wo wollnse denn hin?“

„Zum Funkturm.“

„Immer der Nase lang!“

Es handelt sich offenbar um eine sehr krumme Nase, was im konkreten Fall ein paar Kurven, das Umrunden von Baustellen und die Querung eines Hofes mit einschließt. An der Kasse sitzt eine Frau, vertieft in ein Kreuzworträtsel. Der eher übersichtliche Besuch lohnt offenbar nicht die Einstellung eines Fahrstuhlführers. 50 Meter weiter oben warten zwei Kellner und debattieren angeregt darüber, dass sie womöglich gleich einen dritten Tisch zu bedienen haben.

„Dürfen wir kurz eine Runde drehen?“

„Ja, aber dann müssense auch was verzehren.“

„Ein Kaffee wäre schön.“

„Nichts zu essen? Dann aber bitte nur an die nicht eingedeckten Tische setzen!“

Was den Charme des Servicepersonals angeht, ist Berlin auf dem Funkturm immer noch Berlin. So wie zu Vorwendezeiten, als der Funkturm seiner Rolle als Wahrzeichen nicht nur auf Postkarten gerecht wurde. Ein Besuch auf der 124 Meter hohen Aussichtsplattform gehörte zum touristischen Pflichtprogramm wie ein Kaffee im Kranzler.

Man sieht dem Funkturm kaum an, dass er bald 90 wird. Die filigrane Konstruktion erhebt ihn nicht nur wegen seiner 146 Meter Höhe über die Masse der Hochhäuser des dritten Jahrtausends. Aber nach Gesamtberliner Maßstäben beurteilt, liegt die Replik des Eiffelturms reichlich weit draußen. In Eichkamp, wo die Stadt behutsam vom Grunewald aufgesogen wird und wo eigentlich nie was los war, bis die werdende Weltstadt Berlin in den zwanziger Jahren Funkturm, Avus und Messegelände ins Grüne klotzte. Die Teilung der Stadt hat die Gegend ein bisschen weiter in ein virtuelles Zentrum rutschen lassen. Seit dem Mauerfall aber liegt das Messegelände wieder fernab der Richtung Potsdamer Platz und Friedrichstraße konditionierten Touristen.

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