Berlin : Berlin vor der Wahl: Das letzte Gefecht des Kalten Krieges

Brigitte Grunert

Wie soll man es mit der Senatsbeteiligung der PDS halten? Kann die SPD das wagen bei all den Verletzungen und Narben, die das SED-Regime hinterlassen hat? Für Egon Bahr ist diese Debatte das "letzte leidenschaftliche Nachhutgefecht des Kalten Krieges." Das macht er auch im Wahlkampf klar. In der CDU-Hochburg Zehlendorf war die SPD immer sehr links. Da überrascht es am Dienstagabend bei "Loretta am Wannsee" doch, dass die Gretchenfrage schwer genommen wird. Man siezt sich in drangvoller Enge; die SPD ist nicht unter sich.

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Egon Bahr umkreist das Thema erst einmal weitläufig, indem er über den Kalten Krieg, den Mauerbau und den "Tabubruch" der Ostpolitik redet, die damals in der Koalition mit der CDU nicht möglich gewesen wäre. Das Gleichnis wirkt. Alle verstehen, ohne dass er den Tabubruch erwähnt, mit dem Klaus Wowereit den Regierungswechsel mit Hilfe der PDS herbeigeführt hat. "Manchmal habe ich das Gefühl, die Große Koalition in Berlin musste beendet werden, um den noch ausstehenden Erfolg zu gewinnen, die innere Einheit", sagt er leise. Und die sei eben nicht durch "Ausgrenzung der PDS von der politischen Mitbestimmung" zu haben.

"Solange man sagt, nie mit der PDS, herrscht aber der Zwang zur Großen Koalition, und die ist der Tod der SPD", sagt er. Das wird allseits mit großem Beifall aufgenommen. Keiner will zurück zur CDU, bei der man bloß Wahlen verloren hat. Bahr erinnert daran, dass man damals den Kopf einsetzen musste, um die Mauer durchlässig zu machen, und dass man heute "die Zukunft nicht durch die Vergangenheit verbauen darf". Also mit der PDS? Ein Egon Bahr fällt nicht aus dem Rahmen der "Optionen" in der SPD-Wahlaussage. Er will die PDS "so klein wie möglich" sehen, die SPD so stark wie möglich, gewiss doch. Wenn es ohne PDS klappt und dafür mit der Ampelkoalition von SPD, Grünen und FDP, "na wundervoll". Und "wundervoll" fände er auch die CDU und PDS in der Opposition. Er sähe nämlich eine schwarz-grüne Opposition gar nicht gern; wer weiß, was sich daraus entwickeln kann. Aber die SPD dürfe nicht sagen, keinesfalls mit der PDS.

Einer in der Runde hat das "Gefühl, dieSPD/PDS-Koalition sei schon ein "abgekartetes Spiel". Bahr sieht ihn treu an: "Mit Sicherheit nein!" Ein anderer sagt, er habe "immer vehement gegen die PDS gestritten". Nun finde er Bahrs Worte "im historischen Zusammenhang nachdenkenswert". Auch dass die Ost-CDU "die treueste Vasallenpartei der SED war" und die CDU darüber nicht spricht, fuchst einige. Einer jungen Frau geht aber die PDS ganz gegen den Strich. Sie findet es "gefährlich zu sagen", die Große Koalition sei schlimmer als ein Bündnis mit der PDS. Sie ist besorgt, dass die Geschichte und die Opfer in der Regierungspraxis mit der PDS beiseite geschoben werden. Ein anderer findet es erschreckend, dass alte SED-Leute in der Verwaltung sitzen. Da ist Bahr bei Adenauer, der die Nazis großzügig in die Demokratie integriert hat. Er ist gegen einen Schlussstrich unter die "historische Debatte" und für eine gute Opferentschädigung, aber: "Bitte nach vorn blicken." Der junge örtliche Wahlkreiskandidat Holger Thärichen ist am Ende zufrieden: "Man muss im Wahlkampf über die PDS diskutieren. Wir stellen uns."

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