Berlin : Berlin vor der Wahl: "Rex Bull" für mehr Energie im Wahlkampf

Jörg-Peter Rau

Ein geschenkter Kuli mache noch keinen Wähler - darin sind sich die Wahlkampfmanager einig. Und doch verteilen zumindest SPD, CDU, PDS und FDP an ihren Info- und Aktionsständen hundertfach billige Schreibgeräte. "Die Leute erwarten das eben", sagt Almut Nehring-Venus (PDS), "und außerdem schreiben die wirklich gut."

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CDU-Chefpromoter Volker Liepelt sieht die Sache pragmatischer: "Unter den Clip kann man eine Broschüre klemmen." Und wenn die Beschenkten ihren Kuli benutzen wollen, müssen sie nochmals einen Blick auf den Zettel werfen. Ein Streuartikel mit Inhalt also, und somit auch Grünen-gerecht, die Werbegeschenke mit Botschaft fordern. Bei der PDS sprudelt Brausepulver, die Grünen lassen die Kinder blütenreine Seifenblasen in die Luft blasen. Die Freien Demokraten haben Dosen mit Energie-Getränk mit gelben Manschetten umklebt: "Rex Bull" wurde beim Berlin-Marathon ebenso verschenkt. Auf den Büchsen der CDU war zu lesen: "Neue Kraft für Berlin". Die sind sogar bedruckt und haben deswegen nicht nur 2,50, sondern drei Mark das Stück gekostet. Und es gibt weitere Fälle inhaltlicher Übereinstimmung. Feuerzeuge bieten CDU (mit eingebautem Bieröffner: für die, die das mit dem Feuerzeug allein nicht können), SPD, PDS und FDP. Die Idee mit dem Traubenzucker nimmt Kirsten Böttner, Wahlkampfleiterin der Bündnisgrünen, für ihre Partei in Anspruch: "Die hatten wir schon 1999.". PDS und CDU verschenken die Kurzzeit-Kraftspender in diesem Jahr jedenfalls auch, wobei der Lieferant von Grünen und Christdemokraten der Gleiche sein muss: Zu ähnlich sind die Päckchen im Format. Nur gut, dass sie durch die Aufdrucke "Neue Energie für Berlin" beziehungsweise "Energie für Berlin" gekennzeichnet sind.

Wer sich mit den programmatischen Nuancen schwer tun sollte, kann ja dezent nach grünem Igel oder rotem Kreuzchen schauen. Die Grünen setzen ziemlich konsequent auf die "Sauber"-Metapher. 10000 kleine Päckchen mit Spee wurden in der Wahlkampf-Zentrale in der Oranienstraße mit original Spee-Waschmittel befüllt. "Da sah es bei uns aus wie in einer Bastelstube", sagt Kirsten Böttner. Nicht, dass es im Moment viel aufgeräumter wirken würde. Aber schließlich wurden auch noch 1000 Ohrringe gefertigt, an denen eine mit kleinen Grünen-Logo beklebte Streichholzschachtel baumelt.

Die großen Waschmittelkisten zählen eher zum "Merchandising", den käuflichen Fan-Artikeln. Zehn Mark für zwei Kilo Spee (zwar nicht aus dem Ökoladen, dafür aus dem Osten) waren viele Parteifreunde zu zahlen bereit. Derzeit auch im Wahlkampf beliebt: langleinige Schlüsselanhänger, für die die Bezirksgruppen indes erst zahlen müssen, bevor sie sie weiterverschenken. . Dass die Gliederungen der Partei zur Kasse gebeten werden, wenn sie Werbung machen wollen, ist bei allen Parteien üblich. Perfektioniert haben das System allerdings die Freien Demokraten, bei denen man auch hölzerne Kochlöffel mit der in den Stiel gebrannten Botschaft "Koche mit Liebe, wähle mit Verstand." bestellen kann. Oder Supermarktwagen-Chips mit Möllemanns 18 drauf. Einen Katalog mit Werbemitteln haben auch die SPD (etwa mit Reflektor-Bären für die Kleinen) und die CDU. Weil also teils dezentral eingekauft wird, ist schwer zu sagen, wie viel die Parteien für die Werbegeschenke ausgeben. Almut Nehring-Venus sagt, die PDS gebe für Kulis, CDs mit Gregor-Gysi-Text darauf, Aufkleber und dergleichen 100 000 Mark aus. Bei der FDP sind es laut Kapferer "unter 30 000 Mark" , SPD und CDU können keine Zahlen nennen, bei den Grünen sind laut Kisten Böttner 28 000 Mark eingeplant: "Das liegt daran, dass wir so viel selbst basteln."

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