Berlin : Berlin vor der Wahl: SPD tritt mit Kandidatinnen nicht-deutscher Herkunft an

Brigitte Grunert

"Wir brauchen keine Berater, wir haben real existierende Kandidaten", sagte Wahlkämpfer Peter Strieder mit einem kleinen Seitenhieb auf den CDU-Spitzenkandidaten Frank Steffel. Der SPD-Chef und Senator stellte am Donnerstag zwei aus der Türkei stammende Kandidatinnen und eine aus Vietnam für das Abgeordnetenhaus vor. Steffel hatte kürzlich die türkischstämmige Ausländerbeauftragte im Bezirk Schöneberg-Tempelhof, Emine Demirbüken, als Beraterin in sein Wahlkampf-Team geholt.

Die SPD-Frauen Dilek Kolat (34) und Ülker Radziwill (35) sind so weit vorn platziert, dass sie am 21. Oktober gute Wahlchancen haben. Thuy Nonnemann (62), die in Hanoi und Saigon aufwuchs, versteht ihre aussichtslose Kandidatur als Aufruf an Migranten, sich gesellschaftlich einzumischen. Seit 1968 lebt sie in Berlin. Die ehemalige Stewardess und Bankangestellte kümmert sich als Dolmetscherin, Beraterin und Deutschlehrerin um Vietnamesen.

Dilek Kolat und Ülker Radziwill kamen als Gastarbeiterkinder mit drei beziehungsweise sieben Jahren aus der Türkei. Frau Kolats akzentfreier Redegewandtheit merkt man nicht an, dass sie "mit null Deutschkenntnissen" in Neukölln eingeschult wurde und nur mit der Hauptschulempfehlung die Grundschule verließ. Sie machte das Abitur an einer Gesamtschule, studierte an der TU und arbeitet als Versicherungsmathematikerin bei einer Bank. Auch der Ehemann ist türkischstämmig, ebenfalls in der SPD aktiv und im Türkischen Bund. Frau Kolat war schon Bezirksverordnete in Schöneberg und 1999 Kandidatin für das Abgeordnetenhaus. Diesmal soll es klappen, sie steht auf Platz vier der SPD-Liste in Schöneberg-Tempelhof - nach dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, Ex-Senatorin Annette Fugmann-Heesing und Fraktionschef Michael Müller. Die Reisebüro-Leiterin Ülker Radziwill hat eine Chance auf Platz sechs der Liste in Charlottenburg-Wilmersdorf.

In Berlin leben 486 000 Ausländer. In den vergangenen 20 Jahren wurden rund 120 000 eingebürgert, darunter 40 000 Türken. 25,6 Prozent der Ausländerkinder schaffen keinen Schulabschluss (Gesamtdurchschnitt in Berlin 12,3 Prozent). Strieder nannte diese Zahlen, um die Bedeutung der Integrationspolitik zu unterstreichen. Integration beginnt, das ist für die SPD Programm, mit der Beherrschung der deutschen Sprache als Voraussetzung für Schulabschlüsse, Berufsausbildung und Arbeitsplatz. Frau Kolat sieht hier eine "Querschnittsaufgabe" der Jugend-, Bildungs-, Wirtschaftspolitik und der sozialen Stadtentwicklung in den Kiezen. Sie setzt sich auch für die Verkürzung der langwierigen Einbürgerungsverfahren ein.

Frau Kolat hat sich darüber hinaus viel vorgenommen. Sie will sich im Parlament für die strikte Haushaltssanierung einsetzen und für "Investitionen in Köpfe". Berlin sei eine "wahre Goldgrube" für Wissenschaft und Forschung, die man nutzen müsse. Frau Radziwill sieht ihre Aufgabe in der sozialen Stadtentwicklung, der Förderung der Eigeninitiative in den Kiezen. Die drei in der SPD sehr aktiven Kandidatinnen fühlen sich längst als Teil der Gesellschaft und der Stadt. Sie machen sich für Integrationskurse stark, die über Sprachkurse hinaus Informationen über alles vermitteln, von den Behörden und Organisationen bis zur Kultur und Geschichte.

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