Berlin vs. Brandenburg : Potsdam, der Stadt gewordene Speckgürtel

In Brandenburg ist nichts los und und weil Potsdam nicht so richtig für sich steht, fahren seine Einwohner für das "wahre Leben" lieber nach Berlin, lästert unser Autor Bernd Matthies.

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Kollektives Schmunzeln: Fans halten bei einem Konzert des Kabarettisten Rainald Grebe. Dem Bundesland Brandenburg hat er ein eigenes Stück gewidmet.
Kollektives Schmunzeln: Fans halten bei einem Konzert des Kabarettisten Rainald Grebe. Dem Bundesland Brandenburg hat er ein...Foto: dpa

Kabarettisten bringen die Dinge allemal am besten auf den Punkt. „Lassen Sie mich durch, ich bin Chirurg, ich muss nach Brandenburg“, singt Rainald Grebe, und da ist im Grund alles drin, das Elend eines Landes, das immer wieder gegen den Baum fährt, und alle wollen helfen, können aber nicht, weil die Gaffer sie nicht reinlassen.

Dabei: Was ist schon Brandenburg? Eine Konstruktion, die bei näherem Hinsehen in ihre mühsam zusammengefügten Einzelteile zerfällt wie eine heimlich zusammengeklebte Ming-Vase. Da sind die autochthonen Einwohner und ihre zugezogenen Schriftsteller, angesiedelt überwiegend in entlegenen Regionen, in denen der (meist aus dem Westen) zugereiste Neo-Brandenburger nicht mal tot überm Zaun hängen möchte. Die Autochthonen treten kaum in Erscheinung, außer, es ist in Brandenburg Feiertag und in Berlin nicht – dann bevölkern sie klaglos bis heiter die Einkaufspassagen der Hauptstadt.

Dann ist da der Speckgürtel, in dem der neue Wutbürger seine Heimat gefunden hat. Hier möchte er von allem das Filetstück, vom Land das Landleben und von der Stadt das Stadtleben, nur eben von beidem immer nur die angenehme Hälfte, das Vogelgezwitscher im Garten und Bruckners Achte in der Philharmonie, er kann sich das ja leisten. Dass aber ein gewisses städtisches Grundrauschen zumindest bis 23 Uhr auch außerhalb der Stadtgrenzen unausweichlich ist, damit der Speck am Speckgürtel ansetzen kann, wird dort mit Missfallen zur Kenntnis genommen. Ach, und fliegen – das tun immer nur die anderen, der ordentliche Neu-Brandenburger arbeitet im Berliner Büro und radelt im Urlaub klimaschonend durch Uckermark und Fläming, nicht wahr?

Und es gibt Potsdam, den Stadt gewordenen Speckgürtel. Hier leben viele, überwiegend aus Berlin oder München zugezogene Millionäre, die selbst kaum Wind machen, aber genug Leute kennen, die es für sie tun. Potsdam ist eine nette Landeshauptstadt, aber sie steht nicht für sich, leidet unter Minderwertigkeitskomplexen: Fürs wahre, richtige Leben fahren die Leute immer nach Berlin rüber. Potsdam hängt an Berlin wie der Mond an der Erde, was soll da schon rauskommen?

Die Lösung ist ganz einfach: ein gemeinsames Bundesland, fertig. Matthias Platzeck wäre – in Gottes Namen – Ministerpräsident, er trüge Gesamtverantwortung, und keine wackelnde Wahl würde ihn auf die Idee bringen, den Berlinern wider besseres Wissen einen derartigen Rohrkrepierer reinzuschieben wie die Sache mit dem Nachtflugverbot. Denn dann wäre er ja auch für Berlin zuständig und könnte sich diese Ohnemichelei nicht leisten. Und das ewige Finten und Finassieren beider Landesregierungen wäre gegenstandslos.

Es hat bekanntlich einen ernsthaften Versuch gegeben, die Länder zu vereinen; er ist an der ablehnenden Haltung der Brandenburger gescheitert. Gemeinsam wären wir sicher unausstehlich. Aber dafür würde es drinnen sehr viel ruhiger zugehen. Und die Chirurgen draußen könnten sich andere Kundschaft suchen.

Bernd Matthies ist Redakteur für besondere Aufgaben beim Tagesspiegel.

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