Berlin - Warschau : Staunen über Marx

Leihräder, schwule Politiker und BVG-Automaten: was eine Warschauer Zeitung in Berlin toll findet.

Knut Krohn

Dieser Satz musste fallen. „Jestem gejem i tak jest dobrze.“ Ich bin schwul, und das ist gut so. Es ist kaum mehr zu ermessen, welch großen Imagegewinn Klaus Wowereit seiner Stadt durch das öffentliche Bekenntnis zu seiner Homosexualität gebracht hat. Die Botschaft lautet: Berlin ist tolerant und weltoffen. Immer wieder wird dieses inzwischen geflügelte Wort zitiert – auch in einer Serie der polnischen Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“. Sie hat 21 junge Reporter für zwei Wochen in verschiedene Städte Europas ausschwärmen lassen, auf dass diese jeden Tag über das ganz normale Leben in anderen Teilen Europas Bericht erstatten mögen. Besondere Aufmerksamkeit aber erfuhr Berlin. In der Lokalausgabe der Zeitung wird jeden Tag ein kleines Stückchen der Hauptstadt beschrieben. Wie gleich die Städte doch seien, hieß es zum Auftakt der Serie, beide sind Sitz der jeweiligen Regierungen, im Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen und nun bisweilen schwer ächzend unter dem rasanten Wachstum.

So nah sei man sich und bisweilen doch so fern – was das Zitat des Regierenden Bürgermeisters belegt. Wie muss dieses Bekenntnis klingen in den Ohren der Einwohner einer Stadt, deren prüder Stadtpräsident vor zwei Jahren mit wüsten Worten eine Schwulenparade verbieten ließ? Der Bürgermeister hieß damals übrigens Lech Kaczynski und ist heute Staatsoberhaupt. Dass sich ein Politiker als homosexuell outet, sei natürlich auch in Warschau möglich – zumindest theoretisch. Bisher wagte diesen Schritt allerdings lediglich der eine oder andere Künstler.

Aber natürlich sind die Reporter nicht ausgezogen, um nur über Politiker zu berichten. Sie sollen die kleinen Nebensächlichkeiten beschreiben, die das Leben angenehm oder auch zur Hölle machen können. Dazu zählen zum Beispiel die Automaten für Fahrscheine. In Warschau gibt es so etwas nicht. Wer mit Bus, Straßenbahn oder Metro fahren will, muss sich ein Ticket am Kiosk kaufen. Was spätabends oder am Wochenende zu einem Problem werden kann. Dariusz Bartoszewicz schwärmt in den höchsten Tönen, dass er mit den Maschinen nicht nur auf Deutsch, Französisch und Englisch, sondern auch auf Polnisch und Türkisch kommunizieren kann. Allerdings wird in Warschau nachts kaum jemand einen Fahrscheinautomaten vermissen, denn Busse und Straßenbahnen stellen nach Mitternacht den Betrieb praktisch flächendeckend ein.

Zum Thema Fortbewegung fiel einem der Reporter noch etwas anderes auf: die Leihfahrräder am Bahnhof Zoo. Fasziniert beschreibt Jaroslaw Osowski, wie sich eilige Passanten über Handy die Nummer zum Freischalten des Schlosses erfragten und einfach losradelten. Vielleicht zum Denkmal von Marx und Engels, mutmaßt er. Diese beiden Männer in Stein hatten es dem Autoren besonders angetan. Da stehen die Vordenker des Kommunismus in trauter Zweisamkeit auf einem öffentlichen Platz mitten in der Hauptstadt Deutschlands – und keiner regt sich auf. „Das wäre bei uns nicht möglich“, heißt denn auch die Überschrift in der „Gazeta Wyborcza“.

Auf ihren Touren durch Berlin stoßen die fleißigen Beobachter aus Warschau allerdings nicht nur auf solche augenfälligen Unterschiede zwischen den beiden Millionenstädten. Dariusz Bartoszewicz teilt seinen Lesern erfreut mit, dass sein Mobiltelefon in der U-Bahn auch tief drin im Tunnel funktioniert. Bisweilen sind es die kleinen Dinge, die das Leben ein bisschen lebenswerter machen.Knut Krohn

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