Berlin : „Berlin weint um Kadir“

Wie die Hürriyet über den Tod eines 16-jährigen Rasers berichtet

Suzan Gülfirat

Am vergangenen Donnerstag starb ein 16-jähriger Berufsschüler aus Neukölln, als er versuchte einer Polizeikontrolle zu entkommen. Auf der Flucht vor dem Streifenwagen mit mehr als Tempo 100 prallte er gegen einen Baum und war sofort tot. Sein gleichaltriger Freund auf dem Beifahrersitz überlebte schwerverletzt. Am Sonnabend war die Geschichte auf deutscher Seite schon fast vergessen, aber da legte die „Hürriyet“ erst so richtig los: „Fahrt ohne Führerschein führte in den Tod“, titelte die Zeitung. Der Jugendliche habe sich in der Nacht heimlich aus dem Elternhaus geschlichen, um mit dem Wagen seiner Eltern eine Spritztour durch die Stadt zu unternehmen. Für die Reporter der Hürriyet war das Opfer Kadir E. kein Unbekannter: Im März 2006 hatte die Zeitung türkische Jugendliche aus Neukölln zum Film „Knallhart“ von Detlef Buck befragt. Kadir E. kam in der Umfrage damals richtig groß raus. Jetzt holte die Hürriyet seine Fotos noch einmal aus dem Archiv. „Kadir, den seine Freunde Montana nannten, meinte damals, in seinem Bezirk gebe es keine Gangs, sondern nur Cliquen“, hieß es daneben.

Auch am Sonntag ging es in der „Hürriyet“ um das Schicksal des Jugendlichen. Dieses Mal auf der Titelseite der Europa-Ausgabe: „Berlin weint um Kadir“, hieß es und: „Seine Freunde, die sich vor dem Haus trafen, wo die Familie wohnt, liefen zum Tatort und legten dort Blumen nieder.“ An diesem Tag kam dann auch der Vater des getöteten Jungen kurz zu Wort. „Wir erleben einen schwarzen Feiertag“, zitiert die „Hürriyet“ ihn, denn die Muslime feierten am Wochenende nicht nur das neue Jahr, sondern auch das muslimische Opferfest.

Am Neujahrstag erschien dann eine weitere Geschichte, die die Hürriyet recherchiert hatte. „Seine Leidenschaft für Autos brachte ihn um“, lautete jetzt die Überschrift. Der Vater von Kadir E. warf nun den Polizisten vor, seinen Sohn durch die Verfolgungsjagd unnötig erschreckt zu haben. „Reagiert besonnen in solchen Situationen, um die Jugendlichen nicht in Panik zu versetzen“, appellierte das Familienoberhaupt in der Hürriyet. Aber nicht nur die Polizei, auch die jungen Türken in Berlin bekamen von dem Vater gleich ein paar gute Ratschläge mit: „Hört auf eure Eltern.“ Denn sein Sohn habe nicht auf ihn gehört. „So sehr er auch bettelte, wir gaben ihm nie den Autoschlüssel“, erzählte der Vater den Reportern.

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