Berlin-Weißensee '88 : Born to run

Vor 20 Jahren schaffte er das Unmögliche: Er holte Bruce Springsteen in die DDR. Es war ein Wunder – und der Keim für eine Großkarriere als Veranstalter. Doch mittlerweile bekommt Gerald Ponesky es immer öfter mit der Angst zu tun

Nadja Klinger

Es gibt Tage, die liegen mitten im Leben eines Menschen, aber der Mensch, der sie erlebt, denkt: Jetzt fängt alles an. Für Gerald Ponesky war der 19. Juli 1988 so ein Tag. Er stand in Berlin-Weißensee zusammen mit einer Viertelmillion Menschen. Vor ihm sang Bruce Springsteen. Er sah ihn vier Stunden lang über die Bühne rennen, er hörte „Born in the U.S.A.“, dazu zuckten Lichter, als wäre das alles ganz selbstverständlich, und der Himmel über Berlin, Hauptstadt der DDR, blieb heiter. Ponesky stand da, auf dem größten Rockkonzert, das je stattgefunden hatte in diesem Land, das größte Springsteen-Konzert aller Zeiten, und er, Ponesky, hatte es organisiert, er konnte kaum fassen, dass es wirklich war. Er dachte: Von heute an weiß jeder, was ich auf die Beine stellen kann.

Dieser Tage, 20 Jahre später, hört Gerald Ponesky davon, dass Barack Obama nach Berlin kommen will, wenn möglich ans Brandenburger Tor. Er erfährt es auf die Art, wie er manches erfährt: eifrig seine Arbeit verrichtend, zugleich mit allen Sinnen auf Empfang. Als müsste er ständig wachsam sein.

Brandenburger Tor! Bilder hasten durch sein Gehirn. 200 000 Menschen waren im September 2001 dorthin gekommen. Ponesky, wegen der Terroranschläge in den USA selbst noch unter Schock stehend, organisierte zum ersten Mal in seinem Leben massenhaftes Trauern. Fünf Jahre später, im Juni 2006, Fußball-WM, stand er wieder am Brandenburger Tor und heulte vor Freude. Vor Erleichterung. Einen guten Monat später ließ ihn sein Körper am selben Ort wissen, dass er keine Kraft mehr hat. Es warf Ponesky einfach um.

Er schläft seit Jahren nicht mehr gut. Das Dachgeschoss im Berliner Prenzlauer Berg, in dem er sich abends niederlegt, ist ein modernes Architekturprojekt, nur für ihn ausgebaut. Es ist so etwas wie sein Traumhaus. Aber er träumt hier nicht. Er kann die Beleuchtung raffiniert regulieren, doch den Schalter, der ihn von der Arbeit trennt und in den Schlaf bringt, findet er nicht. Er denkt an Projekte, Kosten, Bilanzen, an Töne, Farben. Er kommt auf Ideen. Auf die Idee, die deutschen Olympioniken vorm Brandenburger Tor zu verabschieden. Er trifft Entscheidungen. So wie die, sich umgehend um Obama zu kümmern. Als die Bundeskanzlerin murrt, Politiker für und gegen den Auftritt des demokratischen Präsidentschaftskandidaten am Brandenburger Tor streiten, hat Gerald Ponesky schon eine E-Mail-Adresse in Amerika angeschrieben und vorgeschlagen, die Sache zu übernehmen.

Warum? Er sagt: „Ich find’s einfach geil.“ Der Slang klingt komisch aus dem Mund eines Mittfünfzigers, dessen Frisur ergraut. Dessen Sweatshirts über den Jeans hängen, kaschieren, dass der Mann nicht nur von kleinem Wuchs, sondern auch von geringem Volumen ist. Aber gibt es andere Worte, die, was er meint, angemessen beschreiben? Ponesky strahlt wie in Disney World. Dort war er gleich nach der Wende. Der ewig große Junge.

Er organisiert riesengroße und kleinere Ereignisse. Jemand will Spaß, er kümmert sich drum. Man wünscht einen Höhepunkt, er findet den Weg. Er ist Dienstleister. Seine Veranstaltungen sind multimediale Inszenierungen. Ponesky spielt mit Emotionen, verabreicht Stimmungsdrogen. Er übertrifft die Realität.

Wegen der Gewalt in Tibet verzichtet der deutsche Sportbund auf eine pompöse Verabschiedung der Olympioniken. Ponesky musste die Vorbereitung der Veranstaltung abbrechen. Obamas Berlinbesuch? „Der Job ist an mir vorbeigegangen, leider“, sagt Ponesky. Manchmal, häufiger, immer öfter bezwingt die Realität auch ihn.

Er ist in den 60er, 70er Jahren am Rande der Hauptstadt der DDR aufgewachsen. Die Realität bescherte ihm einen berühmten Vater. Hans-Georg Ponesky war Showmaster. „Wenn er im Fernsehen war, waren die Straßen leer“, sagt der Sohn. Welche Vorteile sein Nachname ihm auch einbrachte, einer ist unbestritten: Vor dem Jungen baute sich beizeiten ein kräftiges Selbstbewusstsein auf. Er brauchte nur zuzufassen und es ins Leben mitzunehmen.

Nachdem er in Leipzig Philosophie studiert hatte, managte er eine Band. Weil es den Managerberuf aber gar nicht gab, nannte er sich Organisationsleiter. Das Wort war sperrig und ehrlich. Instrumente, Studios, Technik waren bei DDR-Musikern keine Grundausstattung. Ponesky knüpfte Verbindungen, spürte auf, borgte, verborgte, tauschte, verhandelte. Aus dieser Art zu arbeiten entstand in den 80er Jahren Compact Team: drei Männer, die Musikveranstaltungen aller Art organisierten.

1988 karrten sie über Nacht eine riesige zusammengeborgte Tonanlage nach Wroclaw in Polen. Erich Honecker sollte dort für die DDR-Jugendorganisation, die FDJ, eine Rede halten, aber die Technik vor Ort war zu schlecht. Nachdem Ponesky seine Anlage aufgebaut hatte, zog er durch die Stadt. In einem Schreibwarenladen entdeckte er ein Foto der amerikanischen Rocklegende Bruce Springsteen. „Der müsste bei uns spielen“, sagte er zu den Männern von der FDJ, deren Veranstaltung er gerettet hatte. Man antwortete: „Dann erkundige dich mal, wie man den kriegt!“ Ponesky lebte im Stand-by. Man musste ihn nur antippen.

Und dann, im Sommer, sang Springsteen in Weißensee. Nach dem Konzert setzte er sein Autogramm auf ein altes Foto. Es war in einem Schreibwarenladen in Wroclaw entwendet worden. Tief im Osten. Bald schon musste Ponesky sich im Westen beweisen.

Mit zwei Schreibmaschinen und einem Telefon startete Compact Team nach dem Fall der Mauer sozusagen neu. Die drei Männer wurden eine GmbH. Sie beteiligten sich an einer erfolgreichen Fotomodell-Castingshow. Mieteten die Staatsoper, den Palast der Republik. Ihre Veranstaltungen nannten sie Events, es gab eine Backstage, es gab Rider und Catering. Aber was ein Businessplan ist, davon hatten sie keine Ahnung. Geld hatten sie auch keins. Welches zu leihen, dazu kann sich Ponesky bis heute nicht durchringen. Musste er geschäftlich nach Paris fliegen, verzichtete er dafür auf die Anschaffung eines Kopierers.

Heuerten sie Leute an, fragten sie nur: Machste mit? Unbezahlte Überstunden waren selbstverständlich. Die Realität war ein Universum mit zahllosen Türen. Man musste so viele wie möglich öffnen, und möglicherweise fand man hinter jeder etwas Brauchbares. Ponesky dachte, Erfolg kommt von Leistung. Das Gefühl, dass er etwas leisten kann, unterschied ihn von vielen Landsleuten im Osten.

Mittlerweile gehören zu Compact Team zwölf Leute. Sie haben sich in einem alten Fabrikgebäude im Prenzlauer Berg eingerichtet, sitzen dicht an dicht, entwerfen Konzepte, planen, rechnen, überlegen, wen sie anrufen, überzeugen, einbinden können. Sie organisierten Tage der Deutschen Einheit, Europatage, Brandenburg-Tage, Bundesgartenschauen, Fußballfanmeilen, die Eröffnung des Berliner Olympiastadions, Konzerte, Kundgebungen, Firmenfeste, Werbetouren. Sie waren recht bald sehr gut im Geschäft.

„Das Geschäft ist tricky“, sagt Gerald Ponesky, es ist schwierig, heikel, durchtrieben. Er hat gelernt, dass Leistung allein nicht genügt. Er muss Connections haben, hier, da und dort den Fuß in der Tür. Das Dauerprogramm, das in seinem Kopf dudelt, handelt von Verträgen, Bewerberschreiben, Bilanzen, von schlechtem Wetter, schlechter Stimmung im Land, bösen Zeitungsartikeln, konkurrierenden Agenturen. „Ruckzuck hat jemand deinen Platz besetzt“, sagt er. „Das macht dich unfrei, denn du kannst eigentlich nicht nein sagen.“

Setzen ihm solche Gedanken zu, zieht er sich ins Büro zurück, das ihn vom Team trennt. Tür und Trennwand sind aus Glas. Ponesky ist nichts ohne seine Leute. Seit acht, zehn, dreizehn Jahren sind sie bei ihm, in der Branche ist das ungewöhnlich. „Es muss Wärme entstehen“, sagt Ponesky, der Massenveranstalter.

Nur auf dem Sofa in seinem Dachgeschoss gelingt es ihm, das Dauerprogramm im Kopf zu beenden. Er stellt auf den Videokanal des Fernsehers um. Das Springsteen-Video, das er 1988 in Weißensee mitschneiden ließ, ist eine Gefühlskonserve, von der er immer noch zehrt. „Es ist das geilste Video, das ich besitze“, sagt er.

Vor über zehn Jahren sollte sich Ponesky plötzlich bei der SPD melden. Es ging um den Parteitag in Leipzig im April 1998. Im Team diskutierten sie heftig. Sollten sie für eine Partei arbeiten, sich politisch positionieren? Sie sind alle Ostdeutsche. Ponesky sagt: „Bei der SPD singen sie die Lieder, die bei uns gesungen wurden.“ In Leipzig sollte Gerhard Schröder Kanzlerkandidat werden. Es ging also darum, einen Parteitag zu veranstalten, der nach einem Zeitenwechsel aussah. Der Auftrag war ein bisschen wie ein Ritterschlag.

Fortan sprachen sie im Compact Team nicht mehr vom Parteipräsidium, sondern vom Bühnendesign. Sie fragten nicht nach der Sitzordnung, sondern: Wo steht der Kandidat? In welchem Licht? Wie sehen ihn die Kameras? Sie schrieben ein Regiebuch. Legten fest, dass zum Einmarsch Musik ertönt und andauert, bis Schröder das Podium erreicht. Sie wählten Mobiliar, das im Fernsehen eigene Wirkung entfaltet.

Gerald Ponesky stellte die Ideen dem SPD-Bundesgeschäftsführer in Bonn vor. Er hatte sie akkurat auf Pappen gemalt. Ein weiterer Bewerber war mit Laptop angereist, veranstaltete eine Power-Point- Präsentation. Auf dem Heimweg fragte sich Ponesky: Warum haben die uns geholt, uns kleine Ostbude? Dann kam ein Brief. Die Bewerber sollten noch einmal antreten. Die Sache gestaltete sich wie ein sportlicher Wettkampf. Ponesky ist in einem Goldmedaillenland groß geworden.

Diesmal reisten die anderen mit Pappen an. Er aber hatte aufgerüstet und ließ den Raum abdunkeln. Während die Computeranimation lief, die sein Team erstellt hatte, erläuterte er die Bilder: „Der Zuschauer sieht: Der Kanzler ist unter uns.“ Noch in Poneskys Beisein schickte der Bundesgeschäftsführer die Konkurrenz nach Hause. Warum wir, hat Ponesky ihn Jahre später gefragt. Er antwortete: Ich wusste, Sie können nicht verlieren.

Nach dem Parteitag verpflichtete die SPD Compact Team für den Wahlkampf im Osten. Immer noch war den Ossis in der Prenzelberger Fabriketage die Sache nicht geheuer. Ponesky räumte ein: Wahlkampf ist wie andere Veranstaltungen, es ist Show, Handwerk, und man kann das alles nicht gegen die Leute machen. Er setzt keine Ausrufezeichen, wenn er überzeugen will. Er hat den Disney-World-Blick. Er sagt: „Die meisten Menschen wählen aus emotionalen Gründen.“

Am Abend vor der Bundestagswahl 1998 war Gerhard Schröder, den Ponesky „den Meister“ nennt, so etwas wie eine Figur, die er geschaffen hatte. Kurz darauf, Schröder war eben Kanzler geworden, da flatterte ein Brief in die Fabriketage: Sehr verehrter Herr Ponesky, ich stehe noch in Ihrer Schuld. Er wolle keinen Wein, antwortete Ponesky, seine Leute würden gern mal das Kanzleramt sehen. Compact Team flog nach Bonn. Wie es dort aussah! Das Flair, das dickflüssig in den Regierungszimmern stand, die Gardinen, die Möbel passten nicht zu Poneskys modernen Inszenierungen.

Solange Schröder im Amt war, hat Ponesky für die Sozialdemokraten gearbeitet. Wenn der Kanzler geht, geht der Veranstalter, das ist die Realität. Spricht Ponesky heute von der SPD, spricht er von Franz Müntefering. Ihn verehrt er, weil er ihn stets ohne Tamtam geradeaus reden hörte. Er schwört, dass er ihm immer vertrauen würde. „Der Franz“, sagt Ponesky. Müntefering nennt ihn „Pony“. Bei aller Inszenierung: Was Wärme entstehen lässt, das bleibt.

Was nicht bleibt: die Zuversicht, dass der Erfolg andauert. Als Gerald Ponesky im Oktober 2005 der Fifa seine Unterschrift dafür geben soll, die Berliner Fanmeile zur Fußball-WM 2006 zu veranstalten, weiß er, dass 2004 bei der EM in Portugal das Public Viewing erbärmlich gescheitert ist. Die Meile ist für Compact Team und zwei andere Firmen, die sich dafür zusammenschließen wollen, ein Existenzrisiko. Im Januar 2006 unterzeichnen sie. Sie schaffen 250 Lautsprecher heran und 1200 Scheinwerfer, sieben riesige Bildschirmwände, acht Kilometer Zaun, 4000 Quadratmeter Zeltplanen, 500 Toiletten. Sie verbauen 678 Tonnen Stahl, engagieren über 1000 Securityleute, 200 Mann für Logistik, 125 vom DRK.

Sie können nicht anders, als sich vorzustellen, dass der Event gelingen würde. Die schönen Träume, die Gerald Ponesky nachts nicht hinbekommt, träumt er nun am Tag. Das führt dazu, dass nun auch die Angst Gestalt annimmt. Sie fragt: Was machst du, wenn du alles vorbereitet hast und keiner kommt?

Zur Eröffnung noch vorm ersten Spiel kommen 300 000. Ponesky steht heulend am Brandenburger Tor. Sein persönliches Sommermärchen sind angstfreie WM-Wochen, die er mit dem Team in Containern an der Fanmeile im Tiergarten verbringt. Täglich bringen sechs Sattelzüge Essen und Trinken. Es werden 340 Tonnen Müll weggeschafft. Über acht Millionen Zuschauer kommen. Prominente – von Oliver Pocher bis Bill Clinton – drängen auf die Bühne.

Die Sache ist fast gelaufen, da soll Ponesky am Abend im Hotel Adlon am Pariser Platz erscheinen. Dort sitzt Oliver Bierhoff. Er kündigt für den nächsten Tag die Nationalmannschaft an. Ponesky trinkt nicht aus. „Wir müssen los, wir brauchen die Nacht zum Aufbauen.“ Tags drauf in der Mittagssonne sieht er die Spieler durchs Brandenburger Tor kommen, dann liegt er im Ponesky-typischen Schlafwachzustand: körperlich ganz unten, emotional auf absoluter Höhe. Nach vier Wochen setzt er sich auf, schneidet einen Film von der Fanmeilenzeit. Jeder im Team bekommt eine DVD. „Sie haben jetzt ihr Springsteen-Video“, sagt er. „Für schlechte Zeiten.“

Soll man von schlechten Zeiten sprechen? Als Gerald Ponesky das Springsteen-Konzert hinter der Mauer zustande gebracht hatte, fing tatsächlich alles an. Er wurde ein gefragter Dienstleister. Man gab ihm Geld, dafür zeigte er, was er kann. Seine Veranstaltungen sollten etwas von Weißensee haben. Man sollte spüren, dass Großartiges geschah. Nach der Fanmeile 2006 haben er und seine Partner eine zum DFB-Pokalfinale 2007, eine zur EM 2008 veranstaltet. Die Pleitestadt Berlin, die von den Meilenbesuchern unerhört profitiert, konnte sich nicht überwinden, dafür wenigstens einen Teil des finanziellen Risikos zu übernehmen. Obendrein schmälerte sie die Erfolgschancen, da sie auch nicht riskierte, die Straße des 17. Juni schon vorm Halbfinale zu sperren.

Das Viertelfinalspiel Deutschland gegen Portugal hat Gerald Ponesky zu Hause gesehen. Es war kaum auszuhalten. Er weiß nicht, was aus der Meile geworden wäre, wenn die Deutschen das Halbfinale nicht erreicht hätten. Er will’s nicht wissen. Er denkt nicht zurück. Es beansprucht ihn voll und ganz, nach vorn zu schauen.

Nennen wir die Zeiten mutlos. Man versucht nicht, gemeinsam den Druck zu verringern, sondern gibt ihn weiter, von oben nach unten, von unten nach oben, quer durch die ganze Gesellschaft. Ponesky ist in diesen Zeiten kein Dienstleister mehr. Er trägt das volle finanzielle Risiko allein. „Das geht auf Kosten der Leistung. Du kannst Dinge einfach nicht besser machen, weil sich das nicht rechnet“, sagt er. Und wenn er sich das Springsteen-Gefühl, mit dem alles begann, bewahren, wenn er der Beste sein will? Er sagt: „Es kann sein, ich veranstalte eine supergeile Fanmeile, bin danach aber pleite.“

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