Berlin : Berlin wird „zigeunerfrei“

Während der Spiele ging der NS-Terror weiter

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Als Hitler am 1. August 1936 die XI. Olympischen Spiele der Neuzeit für eröffnet erklärt, sind seine Soldaten auf den Weg nach Spanien, um General Francos Faschisten an die Macht zu bomben. In Oranienburg bauen Häftlinge an den Baracken des KZ Sachsenhausen, dem Prototyp aller späteren Lager. In Marzahn sitzen Sinti und Roma, eingepfercht in alten Bauwagen, und ahnen noch nicht, was der Diktator mit ihnen vorhat.

Während die meisten Berliner unbeschwerte Tage genießen, laufen die Rüstung für den Krieg und der Repressionsapparat der Nazis unvermindert weiter. Nur die Propaganda gegen Juden und Kommunisten wird für ein paar Wochen ausgesetzt. Goebbels weist die Journalisten an, deutsche Siege nicht mit dem üblichen nationalistischen Vokabular zu bejubeln.

Etwa 90 „Arbeitersportler“ wurden vor den Spielen verhaftet. Auf der Liste stand auch der Ringer Werner Seelenbinder. Wegen seiner Popularität will die Führung aber keinen Eklat riskieren und lässt Seelenbinder teilnehmen.

Das Olympische Dorf ist Teil des Truppenübungsplatzes Döberitz. Das passt gut ins Nazi-Konzept, dass Sport eigentlich Wehrsport ist. Während die Athleten für ihre Wettkämpfe trainieren, bereiten sich ein paar Kilometer südlich von ihnen deutsche Flieger auf ihren Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg vor. Am 31. Juli werden die ersten Freiwilligen der „Legion Condor“ offiziell verabschiedet. In Zivilkleidung fahren sie anschließend in Bussen durch das Olympische Dorf weiter nach Berlin.

Um den ausländischen Besuchern ein „weltoffenes“, aber „zigeunerfreies“ Berlin zu präsentieren, ordnete Reichsinnenminister Frick an, alle Sinti und Roma in ein Lager nach Marzahn zu verfrachten, damals 10 Kilometer vor der Stadt. Viele Menschen wurden aus ihren Wohnungen geholt und direkt in das streng bewachte, primitive Lager gepfercht. Die meisten Insassen wurden später in Auschwitz umgebracht.

Die Nazi-Führung überließ während der Spiele nichts dem Zufall. Im Olympiastadion saßen an den Enden aller Sitzreihen Gestapobeamte. Briefsendungen an die Athleten wurden im Postamt „Charlottenburg 2“ geöffnet und auf antideutsche Äußerungen untersucht. Mehr als 200 Briefe wurden beschlagnahmt. loy

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