Berlin : Berlin zeigt Flagge

Die Fußball-WM zahlt sich aus. Wie Unternehmer in der Hauptstadt vom Großereignis profitieren

André Görke

Ernst-Reuter-Platz, im alten Kiepert- Bürogebäude, fünfter Stock. Jochen Köhn schiebt den lauwarmen Milchkaffee zur Seite und tippt mit dem Finger auf ein Hochglanzfoto. „Das Stadion haben wir für die Fußball-WM entworfen“, sagt der Architekt des Berliner Büros von Gerkan, Marg und Partner (gmp), „und diese beiden Arenen wollen wir auch noch errichten.“ Dabei zeigt Köhn nicht auf Stadien in deutschen Städten, über die nun alle reden – sondern auf Fotos in Kapstadt, Porth Elisabeth und Durban. In Südafrika findet die Fußball-WM 2010 statt.

Acht Tage sind es noch bis zum Start der Fußball-WM in Deutschland. Jetzt, da das größte Sportevent der nächsten Jahrzehnte in Deutschland beginnt, hat für die Berliner Planer längst die nächste WM begonnen. „Das Olympiastadion war unser Türöffner“, sagt Köhn, der den Umbau der Berliner Arena geleitet hat.

Geschäfte mit der Fußball-WM werden nicht nur am Ernst-Reuter-Platz gemacht – und für die meisten beginnen sie jetzt, da die Menschen nach Berlin kommen. Touristen, Fans, Sponsoren, Journalisten. Eine Million zusätzlicher Gäste werden in den nächsten Wochen erwartet. Lokale Unternehmer profitieren, wenn sie nicht über verpasste Chancen jammern, sondern gute WM-Einfälle haben, im „Land der Ideen“.

Ein Vormittag am Brandenburger Tor, neben der Stahlskulptur des WM-Globus. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit beißt in eine Boulette, geliefert wurde sie von der Reinickendorfer Wurst- und Fleischwarenfirma Mago. „Schmeckt’s?“, fragt Mago-Geschäftsführer Rainer Kempkes und Wowereit nickt. 300 Mitarbeiter arbeiten bei Mago; das Unternehmen liefert alle Würstchen, Nackensteaks und Buletten auf die WM-Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule. „Wir werden mehr als eine Million Würstchen an die Fans verkaufen“, hofft Geschäftsführer Kempkes. Den Auftrag hat sich das Unternehmen auch aus Marketinggründen gesichert: „Unser Logo ist auf den Fernsehbildern zu sehen ist. Das gibt einen Schub für unsere Marke“, hofft Kempkes.

Dort, wo am kommenden Mittwoch die Berliner WM-Eröffnungsfeier mit vielen Musikbands stattfinden wird, wehen längst die Fahnen der Fifa an den Straßenlaternen. Die Flaggen stammen aus Neukölln. „Wir stellen die WM-Fahnen für alle zwölf Stadien her“, ruft Andreas Geitel, während im Hintergrund die Maschinen in einer großen Werkhalle vor sich hinschnaufen. Die Halle der „Berliner Stoffdruckerei“ (BEST) steht in Buckow, weit im Süden der Stadt. Geschäftsführer Geitel spricht von einem „200 000-Euro-Auftrag“ der Fifa, „das machen wir nebenbei“.

Tag und Nacht schnurren seine Maschinen, 60 Mitarbeiter sind bei ihm und seinem Bruder beschäftigt. Früher hatte das Familien-Unternehmen 110 Mitarbeiter und saß im Wedding. „Dann kam der Preisverfall“, sagt Geitel, „die asiatischen Länder, Sie wissen schon.“ Und warum geht er nicht nach Osteuropa? „Ich bin Berliner“, sagt er, „und ich kann kein Polnisch.“ Schon bei den Olympischen Spielen 1972 hat die Firma die offiziellen Fahnen gedruckt, sie gingen damals noch aus dem alten West-Berlin nach München. In der Hallenecke werden gerade zehn Kilometer Stoff aufgerollt, eine endlos lange Fahne in Schwarz-Rot-Gold. Im Sommer der Renner, nicht nur in Laubenkolonien.

BEST-Flaggen wehen auch über dem Olympiastadion. Einen Großteil der Bauaufträge für den 250 Millionen Euro teuren Umbau haben Firmen aus dem Nordosten Deutschlands übernommen. Allein für die Infrastruktur am Maifeld hat die Stadt 3,1 Millionen Euro ausgegeben: Handwerksfirmen haben Zelte aufgebaut, Leitungen und Rohre verlegt. Die Firma Wall aus Mitte profitiert durch einen Großauftrag vom WM-Fieber: Die Dortmunder WM-Arena bestellte moderne Toilettenhäuschen. Und die vier jungen Betreiber von „tentstation“, einem neuen Zeltplatz in Mitte, hoffen an diesem Wochenende auf einen guten Auftakt und schönes Wetter.

Seit Wochen pendeln die Mitarbeiter der Firma Nüssli von Ludwigsfelde nach Berlin. Die Firma hat dort eine Filiale, etliche Tonnen Stahlrohr lagern dort. „Für die Stadiontribünen der Straßenfußball-WM in Kreuzberg“, sagt Niederlassungsleiter Jan Schaefer. Sieben Leute sind bei Nüssli in Ludwigsfelde beschäftigt. Auch die Bundestagsarena und das Adidas-Stadion vor dem Reichstag bauen die Stahlrohrklempner, allerdings machen das die Kollegen aus der Zentrale bei Nürnberg. „Das wäre ein bisschen viel Arbeit für uns“, sagt Schaefer. Nebenbei mussten sie ja auch die Tribünen für den Hauptbahnhof aufbauen, der rechtzeitig zur WM fertig wurde.

Und weil die Feste auch bewacht werden müssen, hat die Sicherheitsbranche einiges zu tun. Während die Berliner Mitarbeiter von Securitas die Mannschaftshotels, Fifa-Headquarter und Trainingsplätze bewachen, schickt das Tegeler Unternehmen B.e.s.t. mehr als 2000 Ordner zum Olympiastadion, in die Adidas-Arena und in die Waldbühne, wie deren WM-Projektleiter Sebastian Dupke sagt. Während sich hier „der Einsatz von studentischen Hilfskräften verbietet“, wie Dupke sagt, sind Cateringfirmen auf WM-Partys und im Stadion auf die Hilfe von vielen jungen Menschen angewiesen. Viele werden von der Arbeitsagentur Nord vermittelt, die ein eigenes WM-Team aufgestellt hat. Insgesamt 3000 Stellen wurden dort gemeldet, 2000 wurden bereits besetzt.

Rainer Kübler ist eigentlich der Merchandising-Chef von Hertha BSC. Doch nebenbei hat er noch eine Firma, „Topteams“ und mit der ist er ins WM-Geschäft eingestiegen. Kübler hat die Fifa-Rechte an den Mini-Trikots gekauft, die in Tankstellen und Supermärkten zu haben sind, europaweit. 1,3 Millionen Stück hat er von den bunten Hemden verkauft, „seit Januar machen wir Plus“, sagt er. Eigentlich sei es doch ganz einfach: Man müsse viel arbeiten und „Fans nicht für blöde halten: Eine WM-Pfeffermühle will niemand haben“, sagt er. „Und wenn man an einer WM etwas verdienen will, sollte man nicht erst drei Monate vor Anpfiff mit dem Denken anfangen.“

Jetzt beginnt das schnelle Geschäft. Kübler wünscht sich, dass ein europäisches Team Weltmeister wird. Nach Brasilien reicht das Vertriebsnetz nicht. Wenn England, Frankreich oder Deutschland den Titel holen, druckt er schnell „Weltmeister 2006“ aufs Trikot. Dann, sagt Kübler, „mache ich noch einmal ein paar hunderttausend Euro plus“.

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