Berlin zieht an : Junge Europäer suchen ihr Glück in Berlin

Griechen, Spanier und Portugiesen, die in der Heimat keinen Job finden, zieht es vermehrt in die deutsche Hauptstadt - denn Berlin bietet Neuankömmlingen einen Standortvorteil. Viele Einwanderer wollen dauerhaft bleiben.

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Neuanfang. Die Griechin Iro T- kam vor dreieinhalb Monaten nach Berlin. An der Volkshochschule Charlottenburg lernt die 30-jährige Tourismusmanagerin jetzt Deutsch und hofft, danach einen Job zu finden.
Neuanfang. Die Griechin Iro T- kam vor dreieinhalb Monaten nach Berlin. An der Volkshochschule Charlottenburg lernt die 30-jährige...Foto: Thilo Rückeis

Die Krise sitzt auf gepackten Koffern. Wo immer es Menschen schlecht geht, wächst ihre Bereitschaft, das Glück anderswo zu suchen. In Berlin werden zurzeit viele Koffer ausgepackt. Die Reisenden, die sie mitbringen, sind Wirtschaftsflüchtlinge aus den Euro-Krisenstaaten. Sie sind gekommen, um zu bleiben – wie Luis M. Als der 24-Jährige vor gut einem Jahr ankam, sah die Situation in seiner Heimat Portugal schlecht aus. Doch nicht so schlecht wie heute. „Ich brauche nicht mehr zurückzugehen. Einen Job in meinem Bereich finde ich dort auf keinen Fall“, sagt der Architekt. Seinen Bachelor-Abschluss hat er in Porto gemacht, seinen Master will er in Berlin absolvieren. Er hofft, später einen Job in einem Architekturbüro zu finden. Gerade besucht er einen Deutschkurs. Um sich über Wasser zu halten, arbeitet er in einem Supermarkt in Wedding.

Die prekäre Wirtschaftskrise in den hoch verschuldeten Eurostaaten trifft vor allem Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen und Arbeitslose. Viele von ihnen sind jung und fühlen sich von ihren Regierungen im Stich gelassen. Laut Statistischem Bundesamt ist die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen in der EU seit 2009 von 15 auf heute 20 Prozent gestiegen. Besonders dramatisch sieht es in Spanien aus – nicht viel besser in Griechenland, Portugal und Irland. Viele der Betroffenen sehen einen Ausweg nur noch im Ausland. Laut einer Umfrage des griechischen Meinungsforschungsinstituts „Kapa Research“ ziehen 70 Prozent der jungen Akademiker im Alter zwischen 22 und 35 Jahren eine Auswanderung ins amerikanische oder europäische Ausland in Betracht. Berlin wirkt dabei auf viele wie ein Magnet.

So könnte die Anziehungskraft Berlins durch die Euro-Krise noch verstärkt werden. Auch die spanischstämmige Maria R. spielt mit dem Gedanken, nach Deutschland zurückzukehren. Als Kind von Einwanderern wuchs sie in Frankfurt am Main auf, nach dem Abitur ging sie zum Studieren nach Barcelona. Auch ihre Eltern sind als Rentner nach Spanien zurückgekehrt. Sie selbst möchte nach ihrem Ingenieurstudiengang wieder nach Deutschland. Am liebsten nach Berlin. „Es ist eine Stadt, die mit ihrem Angebot zu mir passt, mich vom Flair an Barcelona erinnert – außerdem spreche ich Deutsch“, sagt R.

Berlin bietet Neuankömmlingen einen Standortvorteil: Das Leben in Berlin sei billiger als in anderen deutschen Städten, sagt die Griechin Iro T. Mit ihrem Ersparten habe sie dort länger Zeit, etwas zu finden. Die studierte Tourismusmanagerin ist vor dreieinhalb Monaten nach Berlin gekommen. Nach einigen Jobs mit schlechten Arbeitsverträgen in Griechenland fand sie keine Stelle mehr. Demnächst hat sie in Berlin ihren vierten Termin beim Arbeitsamt. „Ich hatte Glück und habe dort eine nette Sachbearbeiterin gefunden, die mir hilft. Aber das Allerwichtigste ist, dass ich jetzt ganz schnell Deutsch lerne und gezielte Entscheidungen treffen“, sagt die 30-Jährige.

Täglich besucht sie deshalb einen Deutschkurs an der Volkshochschule in Charlottenburg. Sie möchte sich zur Biologielaborantin ausbilden lassen und hofft, dass hier ihre Abschlüsse anerkannt werden. „Ich hoffe nicht, dass ich hier noch einmal mein Abitur nachmachen muss. Die bürokratischen Bestimmungen sind nicht ganz einfach“, sagt T. Auch bei der Wohnungssuche habe sie Schwierigkeiten gehabt. Doch sie bleibt flexibel: Falls ihr Plan in Deutschland nicht aufgehe, will sie es in Norwegen versuchen. „Auch dort, heißt es, stehen die Jobchancen gut. Nur eins ist für mich klar. Nach Griechenland gehe ich nicht zurück.“

Ähnlich gehe es auch vielen jungen Spaniern, sagt Manuel Wagner, Gründer der Arbeitsvermittlungsagentur „World Wide Working“ in Alicante. Etlichen sei Berlin bereits von Billigreisen bekannt, sie würden sofort ihren Rucksack packen und herkommen. „Zwar wissen sie, dass es nicht leicht ist, hier einen Job zu finden. Doch gehen viele mit dem Glauben, es schaffen zu können.“ Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit spricht von den Anfängen einer neuen Auswanderungswelle. „Wir wissen derzeit noch nicht viel über die Ströme. Doch hat sich die Situation besonders für hoch qualifizierte Griechen und Spanier verändert.“ Deutschland stehe ökonomisch gut da und suche dringend Fachkräfte.

Auch die Bundesagentur für Arbeit setzt zunehmend auf qualifizierte Zuwanderer aus den europäischen Krisenländern. Im Juni bemühten sich bereits viele tausend Spanier auf der Jobbörse der Europäischen Kommission gezielt um eine Beschäftigung in Deutschland. Auch an der Ingenieursfakultät von Maria R. in Barcelona hängen derzeit Plakate aus, die für Jobs in Deutschland werben.

Berlin ziehe besonders die Kreativen an, sagt Eichhorst. Leute wie Iacobos Zangelidis aus Thessaloniki zum Beispiel, der für sein Toningenieurstudium am SAE nach Berlin gezogen ist. Seit zwei Wochen lebt der 19-Jährige in Hellersdorf, davor habe er drei Monate bei Verwandten in Stuttgart gelebt und dort einen Deutschkurs besucht. In Griechenland rechnet er sich keine Chancen aus. Seinem Vater sei schon der Lohn drastisch gekürzt worden. „Deshalb will ich mich bis zum Ende des Jahres selbst finanzieren.“ Über die Facebookgruppe „Greek-Berliners“ tausche er sich täglich über Berlin und seine Möglichkeiten aus. Iro T. habe über die „Couchsurf-Gruppe Berlin“ viele Menschen kennengelernt, die die gleichen Erfahrungen bei ihrer Ankunft gemacht hätten wie sie. „Wir teilen die Ängste, die Probleme bei der Eingewöhnung und die Erfahrung, wie es ist, in Deutschland Freundschaften zu schließen“, sagt die Griechin.

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