Berlin : Zoodirektor will kein Disneyland

Streit um den Kurs des Berliner Zoos: Biologe Bernhard Blaszkiewitz lehnt Tiershows und Bootsfahrten wie in Hannover ab. Die Besucher vermissen im Zoo eine internationale Beschilderung und pädagogisches Personal. Wieviel Kommerz verträgt sich mit der Tierhaltung?

Annette Kögel
Zoo
Mensch und Tier. Eisbär Knut lockt - noch. -Foto: Mike Wolff

„Das ist für mich unerträglich, wie sehr die Zooleitung offenbar noch der alten Berliner Subventionsmentalität verhaftet ist.“ Die Zoo-Besucherin aus Niedersachen findet vor Knuts Gehege harte Worte – sie hat in der Zeitung vom Machtkampf an der Spitze von Zoo und Tierpark gelesen. Den Zoovorstand hat, wie berichtet, nun der Biologe Bernhard Blaszkiewitz inne, sein Kollege Gerald Uhlich, der den Managertypus im Vorstand verkörperte, schied aus. Wieviel Kommerz verträgt sich mit der Tierhaltung? Eine Spurensuche bei einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt – diesen Rang bestätigte gestern auch Berlins Tourismuschef Hanns-Peter Nerger.

„Das hier ist ja ein sehr internationaler Ort, mir wurde in Berlin der Kurfürstendamm, der Bundestag und der Zoo empfohlen“, sagt Vera Peitch, Urlauberin aus St. Petersburg. „Aber ich bin froh, dass meine Berliner Freundin dabei ist, die Schilder sind ja nur auf Deutsch“, sagt die 33-jährige Kinderärztin vorm Elefantengehege. Sie vermisse auch Angaben an den Gehegen zu den Tiefütterungen. Joe und Phil Cummins aus Irland rätseln, was die Beschriftung beim Panda-Bären wohl bedeutet. Derweil suchen Julia und Loic Manolo aus Mallorca auf dem englischen Zoo-Führer ihren Standort: „Die Zahlen im Plan stehen nicht an den Gehegen, und die Wege sind nur auf Deutsch ausgeschildert.“ Die Strecke zu Knut sei nicht erklärt, die – deutsche – Tafel verrate nichts über seine Geschichte.

Dabei verursachte doch gerade der Eisbär mit Popstar-Status ernorme Zuwächse. Dank des Marketing- und Medienrummels erhöhen sich die Zoo-Einnahmen 2007 auf rund neun Millionen Euro. Die Zuschüsse des Landes sanken von zusammen früher einmal zwölf Millionen Euro auf derzeit 1,8 Millionen für Zoo und 6,7 Millionen für Tierpark.

Wie der Zoo nun sein Marketing in Zukunft betreibt? Die Antwort von Zoochef Blaszkiewitz lautet: „Unsere Aufgabe ist es seit dem Jahr 1844, Tiere auszustellen, denen es gut gehen soll, und Naturschutz zu betreiben.“ Es gebe hervorragende Zuchterfolge und Aussetzungprojekte in aller Welt. Man habe vieles wie das Nachttierhaus modern ausgebaut, und im übrigen sei 1929 im Zoo auch der Streichelzoo erfunden worden. Genau dort aber vermisst Zoobesucherin Katharina Selk, Erzieherin aus Charlottenburg, heutzutage ausführliche Informationstafeln zu einheimischen Tieren „und pädagogisches Personal, das Eltern und Kinder auch mal was erklären kann“. Gäste, die Tierparks in Singapur oder San Diego kennen, fehlen in Berlin Erlebnischarakter und Merchandising-Shops.

In Deutschland folgt der Zoo Hannover amerikanischem Vorbild. „Wenn es in Zoos allein um die Zucht ginge, könnte man das Geld auch direkt in Artschutzprojekte etwa in Afrika stecken“, sagt Hannovers Zoodirektor Klaus-Michael Machens. „Doch Zoos liegen in der Stadt, weil man Menschen faszinieren und für die Natur begeistern will.“ Hannover ist das mit neuem Konzept gelungen, wie eine Studie belegt. Seit Mitte der 90er Jahre wurden ohne große staatliche Zuschüsse thematische Erlebnisparks ausgebaut. Dafür wurden 70 Millionen Euro Kredit aufgenommen und die Eintrittspreise verdreifacht – die Besucherzahl verdoppelte sich trotzdem auf jährlich 1,2 Millionen. Es gibt Fütterungsshows, safariähnliche Bootsfahrten, Führungen Begegnungen mit dem Lieblingstier. Mauern und Gräben sind nicht zu sehen. Drei Mitarbeiter kümmern sich allein um Events etwa im indischen Prunksaal. Derzeit gelten Wintersaionpreise, man kann sogar Schlittschuhlaufen. Für Zoochef Blaszkiewitz hat so etwas Disneylandcharakter, das will er nicht. Hannovers Zoochef sagt, das, was der scheidende Marketingmann Uhlich „dank Knut-Marketings eingespielt hat, ist schon sensationell“.

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