Berlinale goes Kiez : Der Glamour von Kleinmachnow

Die Neuen Kammerspiele feierten ihr Berlinale-Debüt – mit Julia Jentsch, Axel Prahl und vielen anderen.

von und Sarah Kugler
„Berlinale goes Kiez“ machte zum ersten Mal Station am Stadtrand, in den Neuen Kammerspielen Kleinmachnow.
„Berlinale goes Kiez“ machte zum ersten Mal Station am Stadtrand, in den Neuen Kammerspielen Kleinmachnow.Fotos: Manfred Thomas

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Kinobesuchern diskret anzudeuten, wohin sie ihre Schritte im Falle eines dringenden Bedürfnisses zu richten haben. Schilder wie „Männer“ und „Frauen“ sind noch die fantasieloseste, auch Piktogramme erscheinen kaum origineller. In den Neuen Kammerspielen Kleinmachnow jedoch werden die Namen der männlichen und weiblichen Hauptdarsteller des aktuellen Films an die Türen geschrieben, am Dienstagabend mit einer kleinen Variante: Dort stand nun „Bär“ und „Bärin“.

Aus gutem Grund: Das von einer Kulturgenossenschaft betrieben Haus an der Karl-Marx-Allee, nahe der Grenze zu Zehlendorf, feierte seine Berlinale-Premiere. Zum ersten Mal war es in der Programmreihe „Berlinale goes Kiez“ vertreten, sogar mit zwei Wettbewerbsbeiträgen, erst dem portugiesischen Film „Cartas da Guerra“, dann dem deutschen „24 Wochen“, mit rotem Teppich und allem Drum und Dran. Und man darf sagen: Debüt prima bestanden.

Das hatte sich schon am ersten Tag des Vorverkaufs angedeutet: „Nach einer halben Stunde war das uns zugeteilte Kartenkontingent weg“, erzählte am Mittwoch nach der Gala die im Vorstand als Geschäftsführerin tätige Carolin Huder. Ja, wer dann doch nicht gebrauchte Karten wieder loswerden wollte, durfte an der Kasse mit geradezu dankbaren Reaktionen rechnen.

Prominente Besucher. Julia Jentsch, Axel Prahl und Bjarne Mädel (v.l.) kamen auch.
Prominente Besucher. Julia Jentsch, Axel Prahl und Bjarne Mädel (v.l.) kamen auch.Fotos: Manfred Thomas

Rund 350 Filmfreunde – so viele fasst das auch für andere Kulturprogramme genutzte Kino – drängten sich am frühen Abend durchs Foyer, denen erst mal Carolin Huder und die für den Kinobetrieb zuständige Valeska Hahnel vorgestellt wurden, bevor „Cartas da Guerra“-Regisseur Ivo M. Ferreira und seine Darstellerin Margarida Villa-Nova samt Dolmetscher vors Publikum traten, zunächst zur Begrüßung, nach dem Film dann, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen. Für den Regisseur weniger ein politischer Film, eher eine Liebesgeschichte, wie er sagte, auf der Grundlage der als Buch veröffentlichten Briefe von António Lobo Antunes aus dem Kolonialkrieg in Angola an seine schwangere Frau in Portugal.

Der Programmwechsel sei dann schon eine logistische Herausforderung gewesen, beschreibt es Carolin Huder. Während drinnen noch debattiert wurde, warteten draußen schon die nächsten Zuschauerscharen. Aber durch Umfunktionieren der seitlichen Not- zu regulären Ausgängen hat alles gut geklappt, und manch einer, der den Kinosaal gerade erst verlassen hatte, stellte sich sofort vorne für die nächste Vorstellung wieder an.

Diesmal also „24 Wochen“, Anna Zohra Berracheds Film um eine werdende Mutter, die sich damit auseinandersetzen muss, dass ihr Kind nicht gesund zur Welt kommen wird. Gleich mit zehn Leuten war das Filmteam gekommen, darunter die beiden Hauptdarsteller Julia Jentsch und Bjarne Mädel wie auch die für Kamera und Kostüme Verantwortlichen, eingeführt durch Axel Prahl, der zuvor schon als „Stuhlpate“ der Kammerspiele sich finanziell an der Auffrischung der Sitze beteiligt hatte und nun von der Berlinale entsandter Kinopate war. Hinterher wurde der Film durchaus kontrovers diskutiert: Eine Frau, deren Kind ein Down-Syndrom hat, empfand den Film als Werbung für Spätabtreibung, andere erklärten, wie sehr er sie berührt habe. „Ein ganz, ganz toller Abend“, schwärmte Carolin Huder am Tag danach, hofft jetzt natürlich, dass die Kammerspiele auch bei der nächsten Berlinale wieder dabei sind. Auf jeden Fall haben sie ihre Berlinale-Premiere raffiniert für ein wenig Eigenwerbung genutzt. „Heute schon Kulturgenossen“, lautete der erste Slogan der Kulturgenossenschaft, der eigens zur Berlinale – vage angeregt durch den sozialistischen Bruderkuss an der East Side Gallery – ausgetauscht wurde: „Genossen küssen besser“, hieß es nun, während man die Genossen parallel mit kleinen Buttons ausstattete: „Besserküsser“. Einige hatten sogar freiwillig beim Aufbau geholfen, per Rundmail dazu aufgerufen.

Fehlt jetzt also nur noch eine reguläre Deutschland-, Europa-, Weltpremiere. Ein passender Film wäre leicht zu finden: „Timm Thaler“, Andreas Dresens im Dezember startende Neuverfilmung des Romans von James Krüss, 1979 fürs ZDF als erste Weihnachtsserie adaptiert. Es gibt darin auch eine Kinoszene. Gedreht wurde sie im Oktober – in den Neuen Kammerspielen Kleinmachnow.

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