Berlin : Berliner Abiturienten: Sandra Wagner schaffte eine 1,0 am Diesterweg-Gymnasium

Jeannette Goddar

Nein, besonders blass geworden ist sie nicht bei all der Lernerei. Eher sieht die 19jährige, die gut gelaunt in einem Café in Prenzlauer Berg an ihrem Kakao nippt, sehr gesund aus angesichts dessen, was hinter ihr liegt: Am Freitag wird Sandra Wagner als eine von nur etwa zehn Berliner Schülerinnen und Schülern ein Abiturzeugnis überreicht bekommen, auf dem eine 1,0 prangt.

Seit der siebten Klasse ist Sandra Wagner Schülerin des Diesterweg-Gymnasiums am Gesundbrunnen, wo bereits 1998 ein und dieses Jahr sogar zwei Abiturienten die 1,0 schafften. Bis vor drei Jahren wohnte Sandra mit ihren Eltern in einer Weddinger Sozialwohnung, dann drängte die Fehlbelegungsabgabe die Familie in eine Reihenhaussiedlung in Bötzow hinter Hennigsdorf. Die halbstündigen S-Bahn-Fahrten nutzte sie für die Hausaufgaben.

Denn die hat sie durchaus im Gegensatz zu so manchem ihrer Mitschüler regelmäßig erledigt. Und auch geschwänzt habe sie nur in absoluten Ausnahmefällen. Sonst, beteuert sie, wisse sie auch nicht, was bei ihr anders gelaufen sei als bei ihren Mitschülern, die eine durchschnittliche Abiturnote von 2,7 schafften. Als Kind habe ihre Mutter ihr zwar ein paar Buchstaben beigebracht, aber Lesen und Schreiben habe sie mit allen anderen gelernt.

Für die Klausuren hat sie immer am Wochenende vorher geübt, für das Abitur etwa 14 Tage im Voraus. "Ich war froh, als es losging; länger am Stück zu lernen, hätte mich völlig verrückt gemacht."

In der Deutschklausur begrüßte sie ihr Lehrer mit einem Buch, das sie vom ersten Tag an gehasst hatte: "Grottenlangweilig", seufzt sie: "Fontanes Stechlin". In Biologie musste sie sich mit Steppenbildung und Genetik herumschlagen. Nur das Thema in Politischer Weltkunde, in dem sie für ihr Traum-Abitur nur noch fünf Punkte benötigt hätte, kam ihr entgegen: "Die Situation von Frauen in Schwarzafrika". Und weil Sandra Wagner, die diverse Referate in ihrer Schullaufbahn zu Frauenrechten und Frauenbewegung gehalten hat, schon einmal über Beschneidung in Kenia gearbeitet hatte, konnte sie auch in ihrer letzten Prüfung glänzen.

Zur Belohnung will sie mit einer Freundin nach Kreta fahren. Aber erst schlägt sie sich bei den Schülertagen an der Humboldt-Universität durch die Studienangebote, guckt sich Seminare in Jura und Medizin an. Eigentlich, sagt sie, habe sie sich aber schon für ein Jurastudium entschieden. Da sei man "nicht so festgelegt".

Deutschland oder auch nur Berlin für ihr Studium den Rücken zu kehren, käme ihr nicht in den Sinn. Von Rankings hält sie nichts, sagt sie, "und was soll ich denn in Bayern?" Auch aus den USA habe sie gehört, dass da "auch nur die Unis gut sind, die kaum jemand bezahlen kann". Letztlich komme es auf die eigene Leistung an. Und auch um die zu optimieren, sei es besser, in Berlin zu bleiben: "Wenn ich zuhause ausziehe, muss ich jobben, um das bezahlen zu können. Und wann soll ich studieren?"

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