Berliner Alltagsprobleme, Folge 1 : Was tut Berlin gegen all den Lärm?

Mehr als 40.000 Stimmen wurden in unserer Leserumfrage zu Berliner Alltagsproblemen abgegeben. Das Ergebnis: Lärm stört am meisten . Wir haben recherchiert, warum die Stadt so laut ist und was Berlin gegen den Lärm tut.

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Wie kann man sich vor Alltagslärm schützen? Ohrenschützer sind wohl nur in der äußersten Not ein Hilfsmittel.Weitere Bilder anzeigen
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11.01.2010 11:05Wie kann man sich vor Alltagslärm schützen? Ohrenschützer sind wohl nur in der äußersten Not ein Hilfsmittel.

"Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest", prognostizierte einst der Mediziner und Nobelpreisträger Robert Koch. Angesichts der furchtbaren Bilder aus Haiti kommt uns der Vergleich gerade in diesen Tagen nicht unbedingt angebracht vor. Doch Lärm ist in jedem Fall ein drängendes Problem unserer Zeit - nicht zuletzt wegen gesundheitlicher Folgen. Unserer Umfrage zufolge ist Lärm für die Leser von Tagesspiegel.de mit 12.849 und damit fast einem Drittel der abgegebenen 40.122 Stimmen das Berliner Alltagsproblem Nummer Eins.

Eine repräsentative Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2009 stützt die Ergebnisse unserer nicht repräsentativen Online-Umfrage: Berliner leiden unter den Begleiterscheinungen des Großstadtlebens. Das Leben in der Hauptstadt empfinden viele als anstrengend und stressig. In Berlin wird vor allem der Straßenverkehr als belastend empfunden.

Lärm ist störend, ärgerlich, an den Nerven zerrend und gesundheitsschädlich. Nach Angaben des Bundesumweltamtes ärgern sich rund 70 Prozent der deutschen Bevölkerung über Lärm. "Die Rangliste der schlimmsten Lärmquellen führt der Straßenverkehr an, vor dem Nachbarschaftslärm und dem Fluglärm", sagt Jens Ortscheid vom Bundesumweltamt. Und ab einem Mittlungspegel von 65 Dezibel steige das Risiko für einen Herzinfarkt oder erhöhten Blutdruck. Aber auch psychische Probleme seien die Folge. Studien, die im Auftrag der Weltgesundheitsbehörde (WHO) erstellt wurden, bestätigen die Gesundheitsgefahren, die insbesondere von nächtlichem Lärm ausgehen. Bei Menschen, die unter lärmbedingten Schlafstörungen leiden, steigt das Risiko für Allergien, Herzkreislauferkrankungen, Bluthochdruck und Migräne erheblich. Die WHO sieht Gefahren bereits bei Lärmpegel, die langfristig über 55 Dezibel liegen. Der Grenzwert für Nachtlärm sollte nach Ansicht der Behörde sogar bei 40 Dezibel liegen.

Auch Thomas Keil vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Berliner Charité sieht vor allem in Nachtlärm einen Risikofaktor für den Herzinfarkt. "Bevölkerungsstudien haben gezeigt: Wenn Menschen Nachts dauerhaft Lärm ausgesetzt sind, finden Stressreaktionen im Körper statt. Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, die Blutfettwerte steigen und der Blutdruck erhöht sich in Folge." Bluthochdruck kann langfristig zu Schlaganfall oder Herzinfarkt führen.

Laut Bernd Lehming von der Senatsverwaltung Umwelt ist Lärm eines der Umweltprobleme, das die Bevölkerung besonders bedrückt. "Lärm nimmt man unmittelbar wahr", so Lehming, wobei insbesondere der Verkehrslärm die Berliner nervt. "Am Tag sind etwa 330.000 Berliner vom allgemeinen Verkehrslärm, einschließlich Straßenbahnen, Fluglärm usw. betroffen. In der Nacht, in der der Schwellenwert bei 55 statt bei 65 Dezibel liegt, sind es sogar 400.000 Berliner".

Doch der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur, sagte Kurt Tucholsky. Lärmempfinden ist individuell. Wer mit einem Feierabendbier im Sommer auf der Admiralbrücke sitzt, kann das Gitarrespiel des Straßenmusikers genießen - der Anwohner eher nicht. Doch wie soll man auf Lärm reagieren, wie kann man ihn bekämpfen? Was tut Berlin gegen den Lärm? Und warum besteht das Problem weiterhin so akut? Wir haben nachgefragt.

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