Berlin : Berliner am häufigsten krank und depressiv

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Von Ingo Bach

Berliner Arbeitnehmer sind im bundesweiten Vergleich am häufigsten krank geschrieben. Im Jahre 2001 waren in der Hauptstadt durchschnittlich jeden Tag 4,8 Prozent der DAK-Versicherten arbeitsunfähig – im Bundesschnitt waren es 3,5 Prozent. Eine weitere Auffälligkeit: Unter den Kranken fiel jeder Zehnte wegen psychischer Störungen aus – bundesweit lag deren Anteil nur bei 7,9 Prozent. Das ist das Ergebnis des Gesundheitsreports 2002 der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK), den die Kasse gestern vorstellte.

Die DAK registriert seit einigen Jahren einen „alarmierenden“ Anstieg psychischer Störungen. Besonders deutlich wird der Trend in Berlin. Die Stadt hat offenbar einen Hang zur Depression. Die Berliner DAK-Mitglieder blieben doppelt so oft wegen depressiver Störungen zu Hause wie der Durchschnitt. Gerade im Öffentlichen Dienst ist dieser Anteil auffällig hoch. Kein Wunder, sagt Andreas Stoll von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Der öffentliche Dienst steht in Berlin unter einem enormen Druck: kein Nachwuchs, ständige Versetzungen und die Angst um den Arbeitsplatz.“ Dies gilt auch für andere Branchen, bei denen die Arbeitsplätze immer unsicherer werden, im Gesundheitswesen zum Beispiel oder im Einzelhandel. Außerdem mangelt es vielen in der „Hauptstadt der Singles“ an familiärem Rückhalt, um die Belastungen abzufedern.

Die Spitzenposition macht misstrauisch: Schreiben Berliner Ärzte leichter krank? DAK-Landeschef Herbert Mrotzeck verneint. Natürlich gebe es Schwarze Schafe unter den Medizinern, denen die Krankschreibung besonders leicht von der Hand gehe. Doch die finde man überall. „Da fällt Berlin nicht aus der Reihe.“ Der „Blaue Montag" sei eine Legende, auch wenn die Wirtschaft immer wieder den Verdacht äußere, dass es gerade am Montag viele Krankschreibungen gebe, um das Wochenende zu verlängern. Auf den ersten Blick bestätigt das auch der DAK-Gesundheitsreport. Aber viele Patienten, die am Wochenende erkrankten, gingen eben erst am Montag zum Arzt. „Wochenendbereinigt“ sei die Zahl der montäglichen Krankschreibungen sogar geringer als zum Beispiel am Dienstag oder Mittwoch.

Nicht nur die unsichere Lebenssituation schlägt auf die Stimmung der Berliner. Offenbar ist der Gang zum Psychotherapeuten auch eine Mentalitätsfrage. „In Berlin herrscht eine andere Stimmung als zum Beispiel in München“, sagt Judith Berger vom Berliner IGES-Institut, das die Untersuchung durchführte. Das zeigen auch regelmäßige Umfragen unter Städtern, die die Lebensqualität an ihren Wohnorten bewerten sollen. So lag Berlin in der größten Internet-Umfrage „Perspektive Deutschland", die im März 2002 vorgestellt wurde, unter den Großstädten weit abgeschlagen auf dem letzten Rang. Nur 55 Prozent der befragten Berliner waren zufrieden mit ihrer Stadt, beim Spitzenreiter München waren es dagegen 79 und auch in Hamburg noch 75 Prozent.

Auf der anderen Seite spiele auch die ärztliche Versorgung eine Rolle, sagt Berger. „In Berlin gibt es mehr Ärzte, die psychische Erkrankungen erkennen als auf dem Land.“ Sind Berliner also typische Großstadtneurotiker? „Ja“, sagt Gisela Borgmann, Präsidentin der Berliner Psychotherapeuten-Kammer. Deshalb brauche es auch mehr Betreuung. „Die Krankenkassen geben viel mehr Geld aus für Psychopharmaka als für eine Psychotherapie. Aber die Arznei behandelt nur Symptome – die Therapie kann heilen.“

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