Berlin : Berliner Amateurfußball: Heckenschere in der Sporttasche

Andre Görke

Ein beliebiges Spiel aus der elften Liga: Schon auf dem Platz hatten sich zwei Fußballer immer wieder attackiert. Und nach dem Kreisliga-Kick zwischen den Neuköllner Sportfreunden II und Nord-Nordstern II ging es weiter mit dem Geschimpfe. Dieter Jacob, Geschäftsführer der Neuköllner Sportfreunde, erinnert sich: Sein Vereinskamerad habe den Gegenspieler "hart attackiert" und bedroht. Womit? "Mit einer Heckenschere." Obwohl es bei der Drohgebärde blieb, wurde der Mann sofort aus dem Fußball-Klub ausgeschlossen. Beleidigungen, Krawalle und Spielabbrüche gehören im Berliner Amateurfußball zum Alltag. Doch wie zuletzt die Neuköllner Sportfreunde gehen jetzt die Vereine und der Berliner Fußball-Verband (BFV) härter gegen die Schläger in ihren eigenen Reihen vor. Berichte über Prügeleien landen nicht mehr nur beim Sportgericht des BFV, sondern auch bei der Polizei.

Das schnelle Durchgreifen hat sich gelohnt. In den letzten drei Oktober-Wochen hatte es wie berichtet 17 Spielabbrüche nach Gewalt-Zwischenfällen gegeben. Im gesamten November sank die Zahl auf neun. So kann Gerd Liesegang, Leiter des "Anti-Gewalt-Projekts" des BFV erst einmal durchatmen. "Zur Zeit ist es ruhiger geworden", sagt Liesegang. "Die Leute reagieren sensibler." Übergriffe werden nicht mehr nur registriert. Im Gegenteil. Die Vereine wehren sich, geben sogar Hinweise vor brisanten Spielen - etwa dann, wenn ein türkischer Verein gegen ein Team aus Berlins Osten spielt oder ein palästinensischer gegen einen jüdischen Klub. Und Gerd Liesegang soll dann schon vorher die Wogen glätten.

Doch Liesegang arbeitet ehrenamtlich. "Meine Grenze ist erreicht", sagt er. "Langsam müssen so etwas wie Profis ran." Zum Beispiel die Polizei. Sie will mit Liesegang enger zusammenarbeiten. In Zukunft sollen Polizisten öfter auf dem Sportplatz Präsenz zeigen, Einheiten bei Schlägereien schneller vor Ort sein.

Auslöser für eine Prügelei ist meist eine Entscheidung des Schiedsrichters. Deshalb wollen jetzt auch Schiedsrichter mit Liesegang zusammenarbeiten. Einer von ihnen ist Ali Günseven. Er pfeift seit zehn Jahren. "Die Spieler müssen ruhiger werden", sagt der 38-jährige. Ost gegen West, Ausländer unter sich und die Ostler gegen die Türken, da sei die Stimmung auf dem Platz teils "sehr aggressiv". "Dabei kennen sich die Ostler und die Türken doch gar nicht", sagt Günseven. "Da drüben", wie er es nennt, da will er hinfahren, um Spieler und Vorsitzende mit ausländischen Schiedsrichtern zusammen zu bringen, um Vorurteile abzubauen.

Doch auch von türkischen Spielern kann Günseven einiges erzählen. Vor ein paar Wochen sei einer seiner Schiedsrichterkollegen auf dem Platz fast zusammengeschlagen worden. Spieler des FC Göztepe bedrängten den Schiedsrichter, Kicker vom TSV Helgoland schützen ihn. Acht Streifenwagen beendeten den Tumult. Göztepe zog sofort Konsequenzen und suspendierte vier Spieler.



Auch in der Jugend gibt es zuweilen Krawall. Michael Krüger, Jugendleiter beim VfB Lichterfelde, musste bei einem Spiel die Polizei rufen. Nachdem ihn ein B-Jugend-Spieler des 1. FC Schöneberg in den Unterleib getreten hatte, stellte er eine Strafanzeige wegen Körperverletzung. "Vor Gericht meinte der Spieler, dass ich in sein Knie gelaufen sei", sagt Krüger und lächelt gequält. Froh ist er nicht über das Urteil. Der Junge ist jetzt polizeibekannt. Und der BFV hat ihn auch noch für ein ganzes Jahr gesperrt.

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