Berliner an Bord (3) : Rhein in die Geschichte

Michael Kutzker steuert zwei museale Dampfer über den Müggelsee. Er hat sie in Familientradition nach großen Flüssen benannt.

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Einer dreht am Rad. Reeder Michael Kutzker im Führerhaus seines 1928 gebauten Motorschiffes „MS Rhein“.
Einer dreht am Rad. Reeder Michael Kutzker im Führerhaus seines 1928 gebauten Motorschiffes „MS Rhein“.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Beim Ablegen lässt er das Steuerrad gleich dreimal rumwirbeln. Der 320-PS-Diesel brummt und rumpelt im Schiffsbauch, Michael Kutzker lenkt den Dampfer hinaus auf den Flakensee bei Woltersdorf. Eine warme Brise streift den Krauskopf des 39-jährigen Reeders und Kapitäns. Konzentriert weicht er Schwimmern aus und Sportbooten, die zu nahe kommen. „Sonntagsfahrer“, sagt er. Auf dem Vordeck drängeln sich die Passagiere. Matrose Jens schlägt die goldene Schiffsglocke.

Das Motorschiff „MS Rhein“ rauscht über den See mit seinem schlanken Bug, mittschiffs das Führerhaus, ein Ausguck aus Holz und Glas. Achtern das überdachte Deck mit vielen Fenstern, es sieht aus wie ein schwimmendes Caféhaus. Michael Kutzker besitzt und steuert einen der letzten im Original erhaltenen Ausflugskähne Berlins aus den Zwanzigern, ein Museumsstück auf dem Wasser.

Kutzker ist auf den Routen, die er fast täglich entlangschippert, ein bekannter Mann. Rechts am Ufer winkt ihm eine Frau aus ihrem Liegestuhl zu, selbst die Gartenzwerge auf dem Wassergrundstück scheinen zu grüßen. Eine Familie hat gerade den Grill angezündet. Man verspricht ihm eine Stärkung für die Rückfahrt. „Wir werfen Dir ein paar Würstchen zu!“

Dampfer mit Zwanziger-Jahre-Flair.
Dampfer mit Zwanziger-Jahre-Flair.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der stoppelbärtige Käpt’n in Jeans und T-Shirt winkt zurück, obwohl er längst nicht alle der freundlichen Leute persönlich kennt. „Das ist ein Ritual“, sagt er. Aber Kutzker, seine Crew und sein brummender Methusalem gehören zum Bild der Kanäle und Seen im Osten Berlins wie die Szenerie an deren Ufern. Hier erscheint alles wie aus Zilles Skizzenbuch. Ein buntes Leben in Lauben, Ferienhäuschen, üppigen Gärten, Gründerzeitvillen und Parks. Kutzkers Revier ist die Gegend zwischen Müggelsee und Müggelspree, den Gewässern um Woltersdorf und Rüdersdorf und den Löcknitz-Seen bei Erkner. Dort ist er mit einem historischen Dampferpaar nahezu konkurrenzlos unterwegs. Denn außer der „Rhein“ gehört ihm noch ein zweites, mehr als 80 Jahre altes Passagierschiff, die „Elbe“. Sein Großvater ließ es 1926 bauen.

Die Passagierschifffahrt hat bei den Kutzkers Tradition. Die Reederei ist ein Familienunternehmen in der dritten Generation mit Stammsitz in Grünheide am Peetzsee – einem der Löcknitzseen. Dort lebt Michael Kutzker mit seiner Familie auf einem Ufergrundstück, an dessen Stegen zwischen blühenden Seerosen schon sein Großvater ab 1910 Ausflugsdampfer fest machte. Einer der ersten hieß „Weichsel“. Seither wurden alle Kähne des Unternehmens nach Flüssen benannt. Heute schaukeln an Kutzkers Liegeplatz die „Rhein, die „Elbe“ sowie zwei neu gebaute Schiffe: die „MS Spree“ und „MS Havel“.

Das neue Flaggschiff der weißen Flotte, die "MS Sanssouci".
Das neue Flaggschiff der weißen Flotte, die "MS Sanssouci".Foto: promo

Sechs Binnenschiffer und der Chef selbst halten die vier Kähne auf Kurs. Michael Kutzker lernte den Beruf kurz nach der Wende von seinem Vater. Damals habe seine Familie wieder ganz von vorn angefangen, erzählt er. „Unsere Schiffe waren ja zu DDR-Zeiten enteignet.“ Viel Kapital hatte die Familie nicht, also suchte er einen gebrauchten Kahn – und fand seine „Rhein“, die damals „Zukunft“ hieß, in Alsleben an der Saale.

Das 1928 gebaute Schiff war an Land aufgedockt, diente als Restaurant. Kutzker ließ es von einem Schubschiff nach Berlin bringen, restaurierte den Dampfer selbst – und hatte ein maßgeschneidertes Schiff für die Kanäle an Löcknitz und Müggelspree, 4,98 Meter breit, 30 Meter lang, so kann es die schmalen Wasserstraßen gerade noch durchqueren. So gemütlich, dass man an manchen Engstellen zum Blümchenpflücken von Bord und wieder zurückspringen könnte.

Gustav Schmolke, ein Berliner Reeder der 20er Jahre, ließ das Schiff von einer damaligen Werft in Rummelsburg bauen. Er fuhr den Dampfer jahrzehntelang. Später übernahm ihn die Weiße Flotte, 1982 wurde er ausrangiert und in Sachsen aufgebockt. Von seinen letzten Besitzern hat Michael Kutzker stapelweise Fotos übernommen. Meist stehen die Passagiere auf dem Vordeck und blicken nach oben. Sie stammen aus der Ära Schmolke. Aufgenommen haben sie Fotografen von einem Hochsitz aus. „Den hatte man extra am Ufer bei Erkner erbaut“, sagt Kutzker. „Die Filme wurden schnell entwickelt, die Abzüge der Crew schon auf der Rückfahrt von einer Brücke herab zum Verkauf zugeworfen.“ So ist jede Tour mit der „Rhein“ oder der „Elbe“ auch ein Ausflug in die Geschichte der Passagierschifffahrt. Liebhaber gehen an Bord, um die Atmosphäre der Zwanziger zu erleben. An schönen Tagen, wenn die Sonnenflecken auf dem Wasser tanzen, ist die Fahrt auch für Kutzker immer wieder „ein tolles Erlebnis“. Dann sitzt er auf seinem Barhocker im Führerhaus, lässt die Beine baumeln und das Steuerrad wirbeln. „Mit moderner Lenkhydraulik“, sagt er, „wär’s nur halb so schön.“

Reederei Kutzker, Grünheide, 03362-6251, www.reederei-kutzker.de

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