Berliner Atelierbeauftragter : "Mit drei Kaufhäusern wäre es getan"

Was der Berliner Atelierbeauftragte Florian Schmidt gegen den Notstand tun will.

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Florian Schmidt, 39, hat die „Initiative Stadt Neudenken“ mitbegründet und leitet im Abgeordnetenhaus den Runden Tisch zur Liegenschaftspolitik. Er ist Atelierbeauftragter des Künstler-Berufsverbands.
Florian Schmidt, 39, hat die „Initiative Stadt Neudenken“ mitbegründet und leitet im Abgeordnetenhaus den Runden Tisch zur...Foto: promo

Herr Schmidt, es gibt zu wenige Ateliers in Berlin. Sie sagen, selbst neue zu bauen, müsse nicht teuer sein?

Laut einer Studie der Berliner Architekten von Raumlabor, die wir im November als Buch vorstellen werden, kann man Ateliers zu Baukosten herstellen, die bezahlbare Mieten ermöglichen. Sie würden bei etwa fünf Euro pro Quadratmeter liegen. Allerdings vorausgesetzt, dass das Grundstück umsonst dazukommt. Das heißt, wenn das Land Berlin oder auch Privatleute ein Grundstück zur Verfügung stellen, dann können dort Ateliers entstehen, ohne dass weitere Subventionen nötig sind. Das ist ein Potenzial. Denn es ist nur bedingt sinnvoll, galoppierenden Mieten hinterher zu subventionieren. Im Herbst wollen wir ein Modellprojekt anschieben.

Was haben Sie vor?

Wir wollen Gruppen von etwa 20 Künstlern zusammenbringen, die die Planungen begleiten und gemeinnützige Baugenossenschaften oder GmbHs gründen. Und dann werden innerhalb eines Jahres mehrere Pilotprojekte realisiert.

Und wo ist dafür in Berlin Platz?

Ich habe schon eine Innenstadtfläche im Blick. Aber wenn ich einen Regeltyp beschreiben sollte, wo so ein Bau wahrscheinlich wäre, dann wären das Orte, die in der Semi-Peripherie liegen: in der Nähe des S-Bahnrings. Flächen, die sich neben anderen leer stehenden oder schwierig zu nutzenden Liegenschaften befinden, mit denen im Moment immobilienwirtschaftlich nicht viel anzufangen ist, die aber verkehrstechnisch ganz gut angebunden sind. Kein öffentlicher und auch kein privater Eigentümer verliert damit etwas. Es ist sogar interessant für sie, weil es vielleicht eine Entwicklung in dem Gebiet anstößt. Allerdings brauchen wir eine gesunde Mischung von Zwischennutzungen über 15 Jahre und dauerhaften Nutzungen.

Aber was macht diesen Neubau so günstig?

Das ist eine modulare Architektur, die sich an Industriebauten, an Reitställen oder Containern orientiert, so einfach wie möglich. Normalerweise wendet man die nicht für Gewerberaum an. Aber in diesem Fall ist das möglich. Denn Künstler brauchen keinen Komfort, sie brauchen nur Licht, einen Lastenaufzug, wenn das Atelier nicht ebenerdig liegt, und Sanitäranlagen. Deswegen brauchen wir zunächst Pilotprojekte, weil man sehen muss, welche Standards in Sachen Brandschutz und Isolierung erfüllt werden müssen.

Für welchen Bauherrn ist das attraktiv?

Das ist ja eigentlich das Spannende daran, dass das Betreibermodell durch die Künstler selbst aufgebaut werden kann. Man könnte ihnen Grundstücke für 15 bis 30 Jahre in Erbbaurecht überlassen, in dem Zeitraum rechnet sich so etwas, ohne Subventionen. Wenn das Schule macht, dann könnte das einen richtigen Atelierbau-Boom auslösen.

Wie viel Atelierraum fehlt zurzeit?

Ich sage immer: Mit drei Kaufhäusern wäre es getan in Berlin. Das ist gar nicht so viel. Im Vergleich dazu ist der Bedarf an Studentenwohnheimen eine größere Hausnummer. Und der Flächenbedarf für sozialen Wohnungsbau bedeutet einen unfassbaren Berg an Arbeit. Aber den Bedarf an Ateliers könnten wir in fünf Jahren zu einem wesentlichen Teil decken.

Welche anderen Strategien verfolgen Sie?

Erstens müssen wir die Zusammenarbeit mit den Wohnungsbaugesellschaften verstärken, damit in neuen Siedlungen Raum für Kunst gleich mitgedacht wird, genau wie es für Bildung bereits geschieht. Zweitens werden im Zuge der neuen Liegenschaftspolitik öffentliche Grundstücke über Konzeptverfahren an Investoren verkauft oder verpachtet. Die Idee entscheidet über den Zuschlag. Man könnte bezahlbare Atelierräume in die Ausschreibungen gleich mit einbauen, so wie auch bezahlbarer Wohnraum eingefordert wird. Viertens sollte das Land Berlin verstärkt Atelierhäuser langfristig im Kulturvermögen verankern und zu Betriebskosten an Künstler vermieten.

Wie schnell, denken Sie, werden Ihre Lösungsvorschläge greifen?

Um den aktuellen Ateliernotstand zu bekämpfen, brauchen wir Kooperationen mit privaten und öffentlichen Eigentümern, die über schlüsselfertige Immobilien verfügen, zum Teil nur zur Zwischennutzung über fünf bis zehn Jahre. Die laufenden Mittel aus dem Anmietprogramm sind allerdings schon gebunden, eine Erhöhung ist erst ab 2015 möglich und auch dringend geboten. Die Effekte der anderen Strategien werden wir in ein bis zwei Jahren spüren – aber erst mal müssen diese Wege auch die Zustimmung der Politik finden.

Florian Schmidt, 39, Soziologe, hat die „Initiative Stadt Neudenken“ mitbegründet und leitet im Abgeordnetenhaus den Runden Tisch zur Liegenschaftspolitik. Er ist Atelierbeauftragter des Künstler-Berufsverbands.

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