Berliner Bäume : Das geht unter die Rinde

Der Berliner und sein Baum – ein inniges Verhältnis, das die Behörden in Erklärungsnöte bringt. Kein Wunder, denn der Bestand an Linden, Platanen und Kastanien schrumpft jährlich um 1500 Stück.

Christian van Lessen
Treptower Park
Alles so schön grün hier - am Zugang zum Sowjetischen Ehrenmal in Treptow. Allerdings geht es Berlins Bäumen nicht besonders gut....Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Gegen Äxte und Kettensägen gehen immer mehr Berliner auf die Barrikaden: Ob am Charlottenburger Lietzensee, im Gleimviertel in Prenzlauer Berg oder gerade in Köpenick, wo es Streit um eine 80-jährige Rosskastanie gibt: Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich Behörden nicht Ärger mit Umweltschützern und Bürgerinitiativen einhandeln. Holger Schmidt, Leiter des Pflanzenschutzamtes, hat den Eindruck, dass die Bevölkerung aufmerksamer das Geschehen um die Bäume beobachtet. Der Berliner und seine (Straßen-)Bäume – das ist eine lust- und leidvolle Liebesgeschichte, sehr emotionsgeladen, ein „gefühlvolles Thema“ wie es gerade Heiner Funken vom Bürgerverein Gleimviertel formuliert hat.

Die Blicke von Anwohnern, Passanten und Spaziergängern sprechen Bände, wenn sie sehen, wie mit Sägen Hand an Bäume gelegt, Stämme vermessen und gekennzeichnet, Äste gekappt werden. Immer wieder versichern die Behörden, sie hätten gute Gründe, kranke Bäume zu fällen oder zu stutzen und Gefahren abzuwehren. Aber das Misstrauen in der Bevölkerung ist auffallend groß und nicht unberechtigt. Kürzlich waren beispielsweise mehrere 50 Jahre alte Eschen wegen eines Amtsfehlers im Naturschutzgebiet Tegeler Fließ abgeholzt worden. Man hatte die wertvollen Bäume mit „wertlosem Wildwuchs“ verwechselt. Die große Bürgeraktion, die vor bald einem Jahr 200 Bäume am Ufer des Landwehrkanals rettete, wirkte auf andere Baumfreunde wie eine Initialzündung: Eine „Baumpatrouille“ konnte damals unter öffentlicher Beteiligung den angekündigten Kahlschlag verhindern.

Der Berliner und sein Baum – das ist ein sensibles Thema, wie schon Kurt Tucholsky meinte. Einen alten Baum umzuschlagen, das sei eine Art Mord, schrieb er 1930 in der Vossischen Zeitung. Den Behörden warf er vor, „nicht das leiseste Gefühl“ dafür zu haben, was sie zerstörten: Ein Baum bedeute Leben, er müsse bleiben, „uns Schatten spenden und leben – gegen die Tollheit betriebsseliger Kleinbürger im Geist und im Amt“. Was der Krieg an Bäumen verschonte, wurde zum großen Teil von frierenden Berlinern abgeholzt. Eine Wunde, die bis heute nicht vernarbt ist.

Wenn Bezirks- und Forstämter nun vermeintlich ohne Not Bäume fällen, verstehen das auch nachfolgende Generationen nur schwer. Fotos aus der Nachkriegszeit zeigen, dass der Tiergarten eine freie, verkohlte Fläche war, die als Gemüseacker genutzt wurde, dass der Grunewald große Lücken aufwies. Nun geht es vielen Bäumen an den Stamm, die erst in den letzten Jahrzehnten groß geworden sind. Rund 419 000 Straßenbäume gibt es wieder, für Neuanpflanzungen stehen nur begrenzt Mittel zur Verfügung, meint die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Deshalb sei das Spenden von Baumpflanzungen so wichtig. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hatte die Spendenaktion nach dem Orkan von 2002 ins Leben gerufen, bei dem bis zu 11 000 Bäume geknickt wurden – aber auch im Nachhinein abgeholzt, weil viele Gartenbesitzer die Gelegenheit nutzten, sich von Bäumen, die zu viel Schatten gespendet hatten, zu trennen.

Mit bürgerschaftlichem Engagement konnten 1200 neue Straßen- und Parkbäume gepflanzt wurden. Immer noch werden aber mehr gefällt als gepflanzt, um mindestens 1500 schrumpft jährlich der Bestand, weil die Bezirke sparen. Linden, Ahorn, Platanen, und Rosskastanien sind Berlins Stammbäume, die Linden gehören zu den gesündesten. Bei den Platanen sieht es schlechter aus, die Mehrzahl ist geschädigt. Aber einmalig schön ist das Bild, das sie beispielsweise an der Puschkinallee in Treptow bieten, wo sie gerade ein hohes grünes Dach bilden und Berliner und Touristen ins Schwärmen bringen: So grün kann die Stadt sein! Hier zu fällen, wie es auch mal zur Diskussion stand, hätte vermutlich eine kleine Revolution zur Folge.

Die Baumliebe stößt zuweilen auch auf Grenzen: Als in der Hufelandstraße kürzlich Platanen angepflanzt werden sollten, gab es Protest von Anwohnern: Die hochwachsenden Bäume könnten die Wohnungen verschatten. Das gehört zu den Ausnahmen. Berlin gilt immer noch als eine der grünsten Städte Europas.

Aber die so geliebten Bäume haben viel Stress. An den Kastanien frisst, wenngleich mit schwindender Begeisterung, die Miniermotte. Schlechte Luft, Leitungen in der Erde, auch der Klimawandel mit Schädlingen, die es früher nicht gab, das setzt vielen Bäumen mehr zu, als viele Anwohner vermuten. Pflanzenschutztexperte Schmidt zitiert bei allem Verständnis einen alten Spruch: „Ein guter Gärtner braucht ein hartes Herz und eine scharfe Axt.“Christian van Lessen

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