Berliner Bankenaffäre : Der Fall Landowsky: Treu und Glauben

16 Monate auf Bewährung, so lautete seine Strafe. Jetzt hebt das Verfassungsgericht das Urteil auf – und für Berlin fängt alles wieder von vorne an. Klaus-Rüdiger Landowsky hat in seinem Kampf um Rehabilitation einen ersten Sieg errungen.

von und
Klaus-Rüdiger Landowsky kann wieder strahlen. An seinem Urlaubsort im österreichischen Tauplitz erreicht ihn die Nachricht, dass er nicht mehr vorbestraft ist.
Klaus-Rüdiger Landowsky kann wieder strahlen. An seinem Urlaubsort im österreichischen Tauplitz erreicht ihn die Nachricht, dass...Foto: Kleine Zeitung/Huemer

Es war ein kalter Verwaltungsakt, nur Papier. Keiner der Beteiligten musste im Karlsruher Gerichtssaal erscheinen, als das Urteil verkündet wurde. Die Materie ist ohnehin komplex. Die Details sind verwickelt. Es geht um die Untreue von Managern. Über einen kleinen Kreis von Sachverständigen hinaus ist das Thema kaum verständlich. Doch für Berlin fängt jetzt alles wieder von vorne an.

Am Mittwoch hob das Bundesverfassungsgericht das Urteil gegen den früheren CDU-Fraktionschef und Bankenvorstand Klaus-Rüdiger Landowsky wegen Untreue auf. In einem Verfahren vor dem Berliner Landgericht war der Grande der West-Berliner Politik zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Nun muss der Fall neun Jahre nach dem Bankenskandal neu aufgerollt werden. Ob es aber überhaupt dazu kommt, ist zurzeit noch offen.

Bereits am Dienstagabend hatte Landowskys Mobiltelefon geklingelt. Man erreicht ihn dieser Tage in der Steiermark, wo ihm sein Anwalt die gute Nachricht überbringt. Die Verfassungsbeschwerde habe Erfolg gehabt, am Mittwoch werde dies verkündet. Das macht aus einem Vorbestraften über Nacht wieder den unbescholtenen Bürger, für den sich Landowsky immer hielt und den so wenige in ihm sehen. „Es ist ein Schlag ins Gesicht der Staatsanwaltschaft“, sagt er selbst. Und wie er das sagt, begreift man, dass er nicht nur eine Behörde meint, die ihre Pflicht tut, sondern eine Clique, die ihn fertigmachen will. „Ich hatte immer schon Misstrauen in eine politisierte Staatsanwaltschaft, die die Anklage vorangetrieben hat“, fügt er hinzu.

Willkommen in der Welt des Klaus-Rüdiger Landowsky, eines Mannes, der einmal als der mächtigste Berlins galt, einflussreicher noch als der Regierende Bürgermeister, als „Drahtzieher“ und „Pate“ gefürchtet, verehrt und gehasst, belächelt, bekämpft und schließlich von allen gemieden, selbst von denen, die seine politischen Freunde waren. In dieser Welt ist er selbst immer ein Wohltäter gewesen, so sieht er es. Zum Schluss ist es sehr einsam um ihn geworden.

Wer einen Gesellschaftsroman über Berlin schreiben wollte, darüber, wie einer sich aus kleinen Verhältnissen ins Zentrum der Macht hocharbeitet, bis er vor der größten Aufgabe seines Lebens steht, der hätte in Klaus-Rüdiger Landowsky den geeigneten Helden. Einen gebürtigen Berliner, der sich als Landespolitiker lange dafür „entschuldigen“ muss, aus Berlin zu sein, wo Krawalle und Filz das Bild beherrschten. Stolz will er sein auf seine Stadt. Und er tut alles dafür. Keiner umklammert mit seinem Werdegang die wechselvolle Entwicklung der letzten 25 Jahre im „politisierten“ Berlin so eindrücklich wie der 68-Jährige. Niemand illustriert aber auch, wie sehr die Kämpfernaturen, die diese Stadt groß und wichtig gemacht haben, nach der Wende überfordert waren. Landowskys Stärke ist am Ende auch sein Untergang.

Der Wunsch, ihm dafür auch juristisch die Rechnung zu präsentieren, ist in Berlin stark. So schwelt der Streit um jenes komplexe Gestrüpp aus undurchsichtigen Bank-, Fonds und Immobiliengeschäften weiter. Es geht um Kredite für marode Plattenbauten und falsche Mietangaben, um hochriskante Fonds, die mit Landesgarantien aufgepeppt wurden. 2001 hatte Berlin die Pleite des landeseigenen Bankenkonzerns nur durch die Übernahme einer Bürgschaft über sagenhafte 21,3 Milliarden Euro abwenden können. Eine zentrale Rolle in der Affäre spielte Klaus-Rüdiger Landowsky.

Der zeigt sich am Telefon aufgeräumt. Liebenswürdig kann er sein. Was ist noch übrig von seinem politischen Erbe? 1942 in Berlin geboren, wächst er bis zum 13. Geburtstag in Bayern auf. Nach Berlin zurückgekehrt, lebt er mit seiner Großmutter in einer Eineinhalb-Zimmer- Wohnung in Neukölln. Mit 15 tritt Landowsky in die Junge Union ein. Nach dem Abitur studiert er an der Freien Universität Jura. Dort lernt er Eberhard Diepgen kennen. „Den habe ich in die CDU geholt“, erzählt Landowsky heute. Die beiden haben einen Plan: Sie wollen in West-Berlin, wo die SPD damals Mehrheiten von über 50 Prozent holt, an die politische Macht. Sie wissen: Das geht in der Arbeiterstadt nicht, ohne dass die kleinen Leute am Wohlstand beteiligt werden.

Diepgen macht die Politik zum Beruf, Landowsky ist seine persönliche Unabhängigkeit wichtiger. Geld will er von der Partei nicht nehmen, auch später als Fraktionschef nicht. Dort, wo er hingeht, zur Pfandbriefbank, der späteren BerlinHyp, gibt es davon ohnehin mehr. Er lernt das Bankgeschäft „von der Pieke auf“, wie er sagt. Nebenbei wird er Abgeordneter, dann CDU-Generalsekretär und Kreischef der Zehlendorfer CDU, wo das West-Berliner Bürgertum zu Hause ist. 1984 haben sie scheinbar ihr Ziel erreicht: Freund Diepgen rückt auf den Posten des Stadtoberhaupts nach, den Richard von Weizsäcker frei gemacht hat.

„Wir waren patriotisch gesinnt. Unser Hauptziel war die Wiedervereinigung der Stadt und der Fall der Mauer“, sagt Landowsky. So kam es dann auch, 1989 steht Landowsky jubelnd auf der Mauer. Es herrscht Gründerzeit-Euphorie, und Landowsky, der Berliner Jung, darf endlich darangehen, den Wohlstand der Stadt auf eigene Füße zu stellen.

Das Trauma: Die CDU war abgewählt. „Die Einheit ist uns von den Sozis geklaut worden“, sagt er später. Das durfte nicht sein. Landowsky geht in die Arbeiterbezirke, spricht mit „seinen“ Müllarbeitern, mit den Männern vom Bau. Er kämpft und gewinnt die Wahl 1990: Diepgen wird dadurch erneut Regierender Bürgermeister, mit ihm schmiedet Landowsky die große Koalition. Er selbst hält an der Doppelkarriere als Vorstandschef der Berliner Hypothekenbank und Fraktionschef fest.

Diepgen und Landowsky sind die perfekte Symbiose. Landowsky liegen die „kleinen Leuten“ am Herzen, in der Fraktion hält er die Zügel fest in der Hand. Diepgen hört ihm zu, er gibt Anregungen weiter und sagt dann, ob sie umgesetzt werden können oder nicht. Große Ziele verfolgen sie mit der Gründung einer landeseigenen Bankgesellschaft. „Wir wollten mit dem Konzern am Aufbau Ost mitwirken“, sagt Landowsky heute. Das bedeutet, dass man mitverdienen will an den „blühenden Landschaften“.

Ende der neunziger Jahre hat „Lando“ eine gewaltige Macht und enorm viel Einfluss auf die Gestaltung der Stadt. Er sammelt Kunst, ist ein gern gesehener Gast in der Nationalgalerie und der von ihm mitgesteuerte Bankenkonzern schöpft gewaltige Gewinne ab. Keiner kann so charmant schmeicheln, keiner kann so grob polemisieren und polarisieren wie der brillante Redner und Stratege, der sich das Prinzip des „Teile und Herrsche“ wie kaum ein anderer in einer Stadt zu eigen gemacht, die nun nicht mehr gespalten ist. Diepgen und Landowsky verlängern den Einfluss der konservativen West-Berliner Kreise lange über die Vereinigung hinaus. Landowsky verteilt Lottogelder für die Kultur, für den Sport, für die Jugend, und er sitzt im Rundfunkrat. Wohlstand für alle – für alle, die er mochte.

Der Zusammenbruch des „Systems Landowsky“ kündigte sich zum Jahreswechsel 2000/2001 in Gestalt einer kaum beachteten Mitteilung der Bankgesellschaft Berlin an, wonach man alle Firmen und Fonds rund um das gewaltige Immobiliengeschäft verkauft habe. Der Name des Erwerbers wird darin nicht verraten. Von internationalen Investoren ist die Rede, die einen Milliarden-Betrag aufgebracht hätten. Dabei gibt es noch keinen Käufer. Die Anteile an den Immobilien-Gesellschaften sind nur auf die Cayman-Inseln übertragen worden, in ein Steuerparadies für Finanzjongleure. Und der vermeintliche Kaufpreis? Ein Kredit der Bankgesellschaft selbst.

Als lupenreines „Insich-Geschäft“, bewerten Experten das Manöver später. Dessen Ziel: die Milliarden-Risiken, die die Bankgesellschaft und ihre „Sorglos-Fonds“ angehäuft haben, aus den Büchern zu kriegen. Denn missglückte Spekulationen und Kreditgeschäfte haben das landeseigene Kreditinstitut in Schieflage gebracht. Aber dieses Missmanagement des Bankers Landowsky wird erst publik, als seine politische Karriere zu wackeln beginnt. 40 000 Mark sind Landowsky von Managern der Firma Aubis als Parteispende übergeben worden. Er hatte das Geld in einem blütenweißen Briefkuvert in den Räumen „seiner“ Bank angenommen, der BerlinHyp. Von der hatte Aubis Kredite in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags erhalten. Auch verbuchte Landowsky die Spende nicht ordnungsgemäß. Diepgen war wie vom Donner gerührt, als er davon erfuhr. Wie sollte nun dem Eindruck begegnet werden, Bankgeschäfte und Parteipolitik würden nicht vermengt?

Die Folgen waren für Landowsky fatal und schmerzhaft. Sein Duz-Freund Diepgen rückte langsam von ihm ab, auch andere CDU-Parteifreunde suchten Distanz. Landowsky trat Anfang 2001 erst als Bankchef zurück, dann verkündete er Monate später mit Tränen in den Augen auf einer CDU–Fraktionsklausur seinen Rücktritt. Der Strippenzieher merkte, dass nicht mehr alle so wollten wie er. Rot-Rot kam an die Macht, eine Konstellation, die unter seiner CDU-Führung „nie passiert“ wäre, glaubt er heute.

Kränkend für den gefallenen CDU- Mannes muss die Ächtung gewesen sein, die Ausgrenzung aus der Gesellschaft und innerhalb der CDU, die er so viele Jahre selbst aufgebaut hatte. Ein Christdemokrat beschreibt, wie sich unmerklich Gesprächsrunden auflösten, wenn sich Landowsky näherte. Aus Landowsky, dem Anführer, war Landowsky, der Ausgestoßene, geworden, der Paria. Das hat er mit Helmut Kohl gemein, zu dessen 80. Geburtstag er eingeladen war.

Landowsky ist bis heute davon überzeugt, dass alle Geschäfte der Bankgesellschaft Berlin und der BerlinHyp nach Recht und Gesetz verliefen. Die Rechnung über die Folgen der Berliner Bankenaffäre ist noch nicht gemacht, weshalb der Vorwurf der Untreue nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts auch nicht belegt sei. Sicher aber ist schon heute, dass die Einrichtung von Volksfonds, die über die Schalter landeseigener Banken vertrieben wurden, vor allem die kleinen Leute geschädigt haben.

Landowsky mag sich heute als Sieger fühlen. Seine Bilanz sieht anders aus. Durch ihren härtesten Widersacher kamen die Linken erst ins Rathaus, und um die „gigantischen Gewinne“, die seiner Ansicht nach einmal aus den Rundumsorglos- Fonds erwachsen sollen, sieht es finster aus. Es ist das alte Versprechen an den Berliner Wohlstand, dass er garantiert sei. Dafür hat Landowsky immer gearbeitet. Er beweist dabei mehr Ausdauer als jeder andere.

Autor

12 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben