Berliner Baristas : Geht’s nicht schneller?

Mühle befüllen, Siebträger stopfen, Milch aufschäumen: Warum muss das in Berlin so lange dauern? Liebe Baristas, macht mal Urlaub in Italien – und lasst euch zeigen, dass guter Kaffee ein Werk von Sekunden ist.

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Hey Barista, die Uhr tickt!
Hey Barista, die Uhr tickt!Foto: picture alliance / dpa

Hilfe, das Porzellan kommt zurück! Nicht mehr lange, und es wird wieder schick, im Café an Tischen zu sitzen und mit abgespreiztem kleinen Finger Sammeltassen zum Mund zu führen. Ohne mich. Ich mag Kaffee zum Mitnehmen, ich mag die ovalen Löchlein, durch die der Cappuccino in mich rein fließt. Ohne einen Becher in der Hand verliere ich frühmorgens das Gleichgewicht.

Alles schön also.

Wenn nur die Baristas nicht wären. Sie sind l-a-n-g-s-a-a-a-a-m. Sie arbeiten, als hantierten sie in einem Geheimlabor mit hochgiftigen Flüssigkeiten: Die Espressobohnenmühle wird befüllt, der Anschaltknopf gesucht. Während die Maschine arbeitet, synchronisiert der langsame Barista sein Spotify mit seiner Stimmung. Ist ja auch irre früh, also, hmm … ups, jetzt gilt es den Siebträger mit dem wertvollen braunen Pulver zu befüllen. Vorsicht, langsamer Barista, dass nur nichts daneben geht! Jetzt bitte Konzentration, denn die Show-off-Phase beginnt. Er holt den Tamper, prüft sein Gewicht. Dann holt er tief Luft, streckt die tätowierten Arme und verdichtet unter Zuhilfenahme seines Oberarmspeichenmuskels das lockere Pulver zu einer festeren Form. Ausatmen. Erleichtert klinkt er den Siebträger in die Maschine ein. Das dauert ein bisschen.

Der langsame Barista kann nur mühsam seine Anspannung verbergen, denn nun muss er zwei Aktionen gleichzeitig durchführen: Den Espresso beim Durchlaufen kontrollieren und Milch aufschäumen. Armer langsamer Barista, immer ist in diesem Moment die Milchtüte leer.

Tschtschtschzzzzzz....

Er seufzt. Der Espresso kühlt ab. Eine neue Tüte wird gesucht, die Milch mittels eines Thermometers auf Betriebstemperatur gebracht. Tschtschtschzzzzztsch. Bumbum, das Milchkännchen klopft auf die Anrichte. Dann noch mal konzentriert schäumen. Eine klasse Achtsamkeitsübung. Und erneut: Tschtschtschzzzzzz…

Langsamer Barista, du hast vergessen, das Mikrofaser-Spültuch anzufeuchten. Die Chromdüse muss s-o-f-o-r-t gereinigt werden! Oh Mann.

Und so weiter.

Meistens ist es ja so: Der langsame Barista ist nicht nur unerträglich langsam, er ist zusätzlich unfreundlich. Er lächelt nicht, reagiert überhaupt nicht auf Kommunikationsversuche. Bezahlt man mit einem Fünf-Euro-Schein, grummelt er: „Zehn Cent?“ Zuckertütchen und Becherdeckel hat er extra weit von der Bar weggelegt, damit er den Kunden möglichst schnell aus den Augen verliert.

Der langsame Barista arbeitet meist in kleineren Coffeeshops, die nicht zu den großen Ketten gehören. Damit will er nichts zu tun haben. Viel zu stressig.

Ein Symptom der Zeit: Die Baristas sind immer transusiger, die Kassiererinnen im Supermarkt inzwischen so schnell, dass man keine Chance mehr hat, sein Zeug einigermaßen sortiert einzuräumen.

Der Mensch muss die Maschine beherrschen - nicht umgekehrt

Jahrelang glaubte ich, das mit dem Espresso müsse so sein. Guter Kaffee erfordere eben sorgfältiges, hochkonzentriertes Arbeiten. Bis ich am Mailänder Hauptbahnhof eines Besseren belehrt wurde.

Dort gibt es die unschlagbare Bar „Centrale“. Oben Fresken und Kronleuchter, unten erzählen alte Taschentücher und Fetzen des „Corriere della Sera“ die Geschichten von Menschen auf der Durchreise. Klar, die meisten Italiener kippen ihren Caffè im Stehen an der Bar, aber viele nehmen ihr Getränk inzwischen auch mit in den Zug.

Es ist beeindruckend. Hier wird gearbeitet wie im Maschinenraum eines Tankers. Arme fliegen durch die Luft. Handgriffe, tausendfach ausgeführt. Lautes Lachen. Der Mensch beherrscht die Maschine, nicht umgekehrt. Es geht voran. Sekunden später steht das gewünschte Getränk auf der Theke: „Prego.“ Ein freundliches Gesicht. Und der Cappuccino ist deutlich günstiger und weniger pelzig als in Berlin.

Bitte, langsamer Barista: Gute Sachen zügig herstellen, das muss kein Widerspruch sein. Kaffee ist kein Käse. Mach mal Ferien in Italien. Non c’è di che.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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