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Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf : 200 Bäume werden für Flüchtlingsheim gefällt

Im Leonorenpark in Berlin-Lankwitz müssen seit dem Morgen 200 alte Bäume für den Bau einer modularen Unterkunft für Geflüchtete weichen. Bürgerinitiativen protestierten vor Ort.

von und Ronja Straub
Anwohner und Mitglieder der Bürgerinitiativen protestieren gegen die Fällung der Bäume.
Anwohner und Mitglieder der Bürgerinitiativen protestieren gegen die Fällung der Bäume.Foto: Ronja Straub

Leonorenpark, Lankwitz: Am Montagmorgen um kurz vor neun stehen 40 bis 50 Mitglieder der Bürgerinitiativen „Zukunft Leonorenstraße“ und „Park Haus Leonore“ mit Protestplakaten vor den Zäunen, hinter denen die Bäume stehen, die gefällt werden sollen. 200 an der Zahl, sie müssen weichen, weil der Senat hier eine modulare Flüchtlingsunterkunft für 450 Menschen bauen will.

"Wir sagen 'Ja' zu den Flüchtlingsunterkünften und verstehen, dass die Notunterkünfte freigezogen werden müssen", sagt Mark Weinrich, einer der Protestierenden. Er selbst wohnt mit seiner Familie direkt neben dem Park und ärgert sich über die Vorgehensweise des Senats. Eine Zusammenarbeit habe es nie gegeben: "Man hat uns übergangen und nie richtig mit uns kommuniziert." Die Demonstranten, unter Ihnen viele Familien mit Kindern, appellieren, zunächst den richterlichen Beschluss abzuwarten.

Im Video sehen Sie die Baumfällungen und den Protest dagegen:

Video
Abholzung im Leonorenpark
Abholzung im Leonorenpark

Monatelang haben die Bürgerinitiativen gegen die Baumfällungen gekämpft, doch nun ist es soweit. Die Bagger sind angerückt, der erste Baum fällt um neun Uhr. Die Anwohner und Protestler pfeifen und rufen bei jedem weiteren Baum, der ächzend zu Boden kracht und Staub aufwirbelt. Manche Anwesenden haben Tränen in den Augen. "Wir finden es einfach schlimm, 100 Jahre alte Bäume zu fällen", sagt eine Frau vom Heimbeirat des Vivantes-Pflegeheims. Nach wenigen Minuten sind knapp zehn Bäume gefällt und in diesem Tempo geht es weiter. Der große Fällbagger, ein Holzvollernter, arbeitet sich mit seiner Kralle durch das abgezäunte Gebiet und fällt einen Baum nach dem anderen. Dicke Baumstämme sägen Arbeiter mit der Kettensäge ab. Sicherheitspersonal, das sich um die Absperrung herum aufgestellt hat, ist auch vor Ort. Zusätzlich die Polizei mit zwei Einsatzwagen.

Ein Bagger transportiert gefallene Äste weg.
Ein Bagger transportiert gefallene Äste weg.Foto: Ronja Straub

An den Stämmen der betroffenen Bäume klebten zuvor tagelang weiße Zettel. Ein schwarzes Kreuz war darauf gedruckt. Viele der bis zu hundert Jahre alten Bäume sollen abgeholzt werden. Die Gesamtkosten für den Neubau an der Stelle betragen laut Senat "ca. 21,3 Mio. € -  die Flüchtlingsunterkunft soll im Januar 2018 bezugsfertig sein". Modulare Unterkünfte haben eine Nutzungsdauer von mindestens 60 Jahren.

Gegen das Flüchtlingsheim richtet sich der Protest nicht – vorgeschlagen wird aber, das Heim parkschonend zu versetzen.
Gegen das Flüchtlingsheim richtet sich der Protest nicht – vorgeschlagen wird aber, das Heim parkschonend zu versetzen.Foto: Melanie Berger

Fertigstellung: 2018. Kosten: 21 Millionen Euro

Der Park liegt friedlich zwischen einem Vivantes-Pflegeheim und schicken Neubauten im ruhigen Berliner Südwesten. Er wurde vor mehr als hundert Jahren vom Mediziner James Fraenkel angelegt. Nun sollen bis zu 200 Bäume weg - 44 davon stehen direkt im Park, für sie hat der Bezirk am Dienstag die Fällgenehmigung erteilt. Der Rest ist Teil eines Waldes dahinter, hier ist das Landesforstamt zuständig. Der Park würde damit um die Hälfte schrumpfen. Monatelang haben die Bürgerinitiativen „Zukunft Leonorenstraße“ und „Park Haus Leonore“ dafür gekämpft, das zu stoppen.

Sie haben nun einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht gestellt, um "eine Umplanung zu erreichen", wie es in einer Pressemitteilung am Freitag heißt. Sie fordern die Senatorinnen Katrin Lompscher (Stadtentwicklung und Wohnen) und Elke Breitenbach (Arbeit, Integration und Soziales) auf, mit dem fällen der Bäume bis zur Gerichtsentscheidung in wenigen Wochen zu warten.

Die Notunterkünfte für Flüchtlinge sollen schnell frei werden

Der Park wird vor allem von den Bewohnern des angrenzenden Pflegeheims genutzt. Das Gelände gehörte Vivantes, das Unternehmen verkaufte es an den Senat. „Es ist kein öffentlicher Park, es ist Baufläche. Darum gibt es aus rechtlicher Sicht hier keine Einwände“, sagte Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Immer noch leben Flüchtlinge in Turnhallen und in den Hangars am Tempelhofer Feld. Der neue Senat möchte diese Notunterkünfte so schnell wie möglich freiziehen.

Projekte wie in Lankwitz sollen dazu beitragen. Auch der Bezirk sieht sich hier in der Verantwortung. „Wir können nicht immer sagen, baut alle Unterkünfte in Marzahn oder Treptow-Köpenick, bei uns ist es zu schön und grün“, erklärt die zuständige Stadträtin Maren Schellenberg (Grüne). Allerdings versteht der Bezirk auch die Einwände aufgrund der Geschichte des Parks und der alten Bäume. Auch die Bürgerinitiativen sprachen sich nicht gegen das Flüchtlingsheim aus, sondern kritisierten, dass damit ein Erholungsraum für die Bewohner des Heims zerstört wird.

Alternativer Standort würde zu Verzögerung führen

Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski von der CDU stellte sich lange gegen die Senatspläne. Am Ende stand ein Kompromiss. Indem die Unterkünfte anders angeordnet werden, konnte man einige alte Bäume retten. Unter anderem eine alte Eiche in der Mitte des Parks, die möglicherweise noch von James Fraenkel selbst gepflanzt worden sei, sagte Schellberg. Eingelenkt hat der Bezirk, weil der Senat sich sonst über ihre Köpfe hätte hinwegsetzen können. So habe man zumindest noch etwas herausgeschlagen.

Es gab Gespräche, die Unterkünfte auf einem anderen Teil des Geländes zu errichten. Dort, wo die Ruine eines früheren Casinos steht. Man müsste das Gebäude abreißen und diverse Prüfungen vornehmen. Das würde die für Ende 2017 geplante Fertigstellung aber um mehr als ein Jahr verzögern, heißt es vom Senat auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Oliver Friederici aus dem November. Die Arbeiten müssen bis 28. Februar abgeschlossen sein, sonst braucht es eine Sondergenehmigung, denn dann endet die Fällperiode.

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