Berliner Bildungspolitik : Schüler werden gepäppelt, Lehrer veräppelt

Unser Autor war Deutschlehrer an einer Sekundarschule in Berlin-Moabit. Für ihn sind die Pädagogen an den Schulen heillos überlastet. Er sagt: Berliner Lehrer leben gefährlich. Ein Leserkommentar.

Klaus Paatzsch
Ein Blick ins Klassenzimmer. Der Alltag sieht nicht immer so friedlich aus.
Ein Blick ins Klassenzimmer. Der Alltag sieht nicht immer so friedlich aus.Foto: Martin Schutt

Die Probleme, die Reformen und die Anforderungen. Die Berliner Schulpolitik, die Lehrer und die Schüler. Nun im vollständigen Satz: Die Berliner Schulpolitik verharmlost die Probleme, die Lehrer fühlen sich von den Reformen gelinde gesagt veräppelt, die Schüler werden durch die Prüfungen gepäppelt.

Wen wundert es da, wenn das Klima zwischen den Akteuren empfindlich gestört ist, ja wenn es im Alltag mancher Schule zu immer mehr Gewalt kommt.

Schlag auf Schlag. Ruhig und entspannt verlaufen die Schultage selten, Vorfälle aller Art und gegen jedermann: Beleidigungen und Beleidigtsein, versteckte und offene Drohungen, Handgreiflichkeiten und Faustattacken, Schlagringe und Messer in den Taschen. Trotzdem sind Ranzenkontrollen stark limitiert. Häufig dagegen die Einbeziehung von ansässigen Sozialarbeitern, Psychologen, zuständigen Polizisten; von Klärungsversuchen im Unterricht und in den Pausen, von Gesprächen mit den Eltern und der Jugendhilfe; von Einladungen zu Klassen- und Schulhilfekonferenzen bis zu Gerichtsterminen. Zeit, die beim Lernen fehlt und den „unbeteiligten“ Schülern und den Lehrern die Energie raubt.

Gewalt gegen Schüler und Lehrer

Auch wenn die jüngst veröffentlichte Statistik jetzt mehr Vorfälle ausweist, gab es auch in den vergangenen Jahren bedrohliche Gewalt gegenüber Schülern und Lehrern. Man erinnere sich nur an die zwei Jugendlichen, die eine Mitschülerin und „Freundin“ auf den Sportplatz lockten, um sie dann mit Tritten auf den Bauch ohne einen Funken Mitgefühl zu traktieren und so das sich anbahnende Leben töten zu wollen. Oder an die 18-jährige Zehntklässlerin, die im Mai 2006 eine scharfe Automatikpistole mit in die Schule brachte, um ihre Englischlehrerin „abzuknallen“.

Durch glückliche Umstände konnte das verhindert werden. Diese Fälle gingen damals durch die Medien, aber viele andere werden – aus Scham, aus Gewöhnung , wegen der Hektik des Schulalltags und der Vermeidung von bürokratischem Aufwand oder wegen des guten Rufes der Schule- gar nicht öffentlich, wie beispielsweise der Faustschlag eines Schülers mit Niederschlag gegen einen Lehrer, der in der Hofpause einen Streit schlichten wollte. Was die Statistik auch nicht aussagt: in den Beispielen hatten die Täter einen türkischen oder libanesischen Hintergrund.

Von ganz anderem Kaliber die Episode zwischen einem deutschen, für die 9. Klasse überalterten Schüler und seinem Klassenlehrer. Der zugewiesene Schüler - vorher bereits an 4 Grundschulen und 3 Gymnasien - hielt sich nicht an die Schulregeln, kam verspätet oder gar nicht, provozierte ständig seine Mitschüler und verhielt sich distanzlos gegenüber Lehrern. „Wenn Sie mich nicht ab sofort siezen, werde ich Sie duzen.“ Sein Motto: Ich mag keine Lehrer. Seine letzte Schule attestierte psychische Auffälligkeiten, ein unkooperatives Elternhaus und fühlte sich bedroht. Zu Recht?

Baustelle Schule
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Nach drei Monaten, durch Konferenzbeschluss in eine Parallelklasse versetzt, bedrängt der Schüler den Lehrer vor dem Lehrerzimmer und droht: „Sie haben eine Anzeige gemacht. Sie werden schon sehen. Wenn Sie Probleme haben, dann können Sie ja die Schule verlassen.“ Vorausgegangen war eine Strafanzeige des Lehrers bei der Polizei, weil ein Unbekannter an sechs Tagen nachts mehrmals hintereinander angerufen hatte, nichts sagte, Musik abspielte und unartikulierte Laute ausstieß. Das Ende der Episode: Das Strafverfahren wurde ohne überführten Täter eingestellt, der Schüler verließ nach einem halben Jahr diese Schule, der Lehrer blieb.

Berliner Lehrer leben gefährlich

Diese grauen Tage fühlen sich eher rabenschwarz an, jedenfalls für die vielen betroffenen und noch nicht betroffenen Lehrer, die Opfer von Gewalt wurden/werden. Jeden Schultag 2 bis 3 angegriffene Lehrer, in den letzten fünf Jahren 45000! Leider wird nicht ausgewiesen, verharmlost?, wie viele Schülertäter davon einen immer größer werdenden Hintergrund haben. Die Fakten sagen es: Berliner Lehrer leben gefährlich –wie auch andere öffentlich Bedienstete-, nur dass es sich bei den Tätern hier um Kinder und Jugendliche handelt. Die Schüler sind aggressiver geworden, die Lehrer leiden und ertragen mehr, oder wie Schüler sprechen: Du Opfer.

Dagegen gibt es jetzt, wie seit Jahren, wieder gute Ansätze der Absichtspolitik, die aber oft im Vorsatz stecken bleiben oder wirklichkeitsfremd sind. Hausordnungen haben die Schulen, Unterschriften zu ihrer Einhaltung werden auch geleistet, Konfliktlotsen werden geschult. Wenn jetzt aber die erweiterte Schulleitung –normale Lehrer, ohne Funktionsstelle- auch noch mit Beauftragungen für Gewaltprävention und Elternarbeit belastet, wenn die Lehrer zu Mediatoren fortgebildet werden sollen, dann ist das Maß der Belastung, verbrämend Reformen oder Programme genannt, überschritten.

Und damit auch die Richtung, in die die Berliner Schule treibt: Anstelle von Unterricht Konfliktgespräche, anstelle von Lehrern Sozialarbeiter, anstelle von Leistungsanforderungen an die Schüler kuschlige Erziehungsecken wie für Kleinkinder. Dann sollte man konsequent sein und das Lehrpersonal an bestimmten Schulen gegen Erziehungspersonal austauschen, das wäre billiger, wenn auch nicht besser. Unerfahrene Sozialpädagogen und Absolventen der Erziehungswissenschaft, die ihre meist unausgegorenen theoretischen Konzepte in das Schulsystem einbringen, gibt es ja schon genug.

Stärkung durch Gesellschaft und Politik

Was wirklich hilft: Einerseits klare Regeln, klare Ansagen und ihre konsequente Durchsetzung, eine strikte Leistungs- und weniger weibliche Verhaltensorientierung, andererseits die Schaffung einer Schulatmosphäre, die alle Beteiligten motiviert und die sich in einer gefühlsmäßigen Verbundenheit zur eigenen Schule ausdrückt. Dazu gehören Lehrer, die wissen, worauf sie sich einlassen, dies aber auch finanziell und mental unterstützend erfahren. Lehrer, die von der Gesellschaft und der Berliner Politik stark gemacht werden, so dass sie den unausweichlichen Attacken aufrecht begegnen können.

Wenn die Schule und ihr eigentlicher Sinn im Mittelpunkt stehen und nicht die ausufernden Sozialverbände und das fordernde Jugendamt. Ob dann die Wende wirklich gelingt, hängt letztlich von der Zusammensetzung der Schülerschaft ab. Mehr als 50 Prozent Schüler mit prekärem Migrationshintergrund verträgt keine Schule. Vor allem dann nicht, wenn deren Lebensziel darin besteht, ein dickes Auto zu fahren, selbstüberschätzend Banker oder Ärztin werden zu wollen, aber auch mit Hartz IV und drei Frauen leben zu können. Das haben schon diejenigen Eltern erkannt, die mit ihren Kindern auf konfessionelle oder private Schulen drängen.

Als ehemaliger Deutschlehrer noch eine Randnotiz zu Kenntnissen und Wortschatz der Schüler: Der erste Absatz enthält drei Partizipien, die von einem Großteil der Schüler am Ende der Schulzeit nicht bestimmt werden könnten, obwohl Wortarten in vielen Deutschstunden behandelt werden. Ein kürzlicher Test mit einer Schülerin einer 9. Klasse eines Gymnasiums ergab: Auch inhaltlich hapert es, sie kannte nur das Wort „veräppeln“, „verharmlost“ nur mit Hilfen, „gepäppelt“ gar nicht. Wie wird die verbale und nonverbale Kommunikation in der wachsenden Multi-Kulti-Stadt aussehen?

Klaus Paatzsch unterrichtete bis vor vier Jahren als Deutschlehrer an einer Sekundarschule in Berlin-Moabit.

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