Berliner Bloggerin im Rollstuhl : Wenn das Kopfsteinpflaster kitzelt

Die Berliner Bloggerin Laura Gehlhaar sitzt im Rollstuhl. Im Interview spricht sie über Tinder und komische Blicke.

Natalie Mayroth
Mehr als ihr Rollstuhl.
Mehr als ihr Rollstuhl.Foto: null

Seit zehn Jahren bewegt sie sich wegen einer Muskelerkrankung sitzend vorwärts, nun beschreibt Laura Gehlhaar das Leben als Wahlberlinerin im Rollstuhl in ihrem Buch „Kann man da noch was machen?“. Die 33-Jährige bloggt seit fast drei Jahren als „Frau Gehlhaar“, hält Vorträge über Barrierefreiheit und Inklusion und arbeitet als Autorin beim Berliner Verein Sozialhelden.

Frau Gehlhaar, in ihrem Blog und im Buch schreiben Sie über ihren Alltag mit einer Behinderung. Was wollen Sie damit erreichen?
Ich zeige vor allem Ausschnitte aus meinem Leben: Liebe, Trennung, Schmerz und – und meine Behinderung ist eben immer dabei. Durch die Alltagsgeschichten kann ich Leute sensibilisieren und zeigen, dass meine Einschränkung eines meiner Merkmale ist, aber nicht mein Leben beherrscht.

Auch Berlin spielt eine große Rolle in ihren Texten. Sind Sie ganz bewusst an die Spree gezogen?
Ich bin zum Studium hergekommen, von dem mir übrigens erst abgeraten wurde, weil ich im Rollstuhl sitze. Doch das hat mich nicht abgehalten. Ich habe Sozialpädagogik und Psychologie studiert, ab 2008 in einer Psychiatrie gearbeitet, eine Coaching-Ausbildung gemacht und bei den Sozialhelden angefangen, um dafür sorgen, dass auch Menschen mit Behinderung in den Medien stattfinden.

Sie selbst finden vor allem im Netz statt, sie haben sich als Bloggerin einen Namen gemacht.
Ja, weil ich blond bin und gut aussehe ... Nein, ernsthaft: Meine Texte sind sehr schonungslos und direkt, sodass Leute einen guten Eindruck von einer Realität bekommen, die oft von Alltagsdiskriminierung geprägt ist. Ich nenne Dinge beim Namen und nehme dadurch Ängste im Umgang mit Menschen, die Behinderungen haben. Und natürlich hoffe ich, dass den Spaß, den ich beim Schreiben habe, auch auf meine Leser überspringt.

Wie sieht denn die alltägliche Diskriminierung aus, die sie erfahren?
Es beginnt oft schon, wenn ich aus der Haustür gehe: Menschen auf der Straße fragen mich geradeheraus, wie es bei mir im Bett klappt. Sie zeigen auf mich oder lehnen sich an den Rollstuhl. Ich kann auch nur bei einem bestimmten Bäcker im Kiez einkaufen, weil die anderen keine Rampe haben. Und bin mit meinem Freund unterwegs, sehe ich, wie sich die Blicke ändern, wenn wir uns küssen. Ich sehe, dass Menschen bei nicht behinderten-Paaren anders reagieren. Das Ganze geht dann hoch bis zur großen Politik.

Was könnte in Berlin für Rollstuhlfahrer besser laufen?
In Berlin – wie eigentlich überall – sollte auf Barrierearmut gesetzt werden, damit Menschen mit Behinderung auch in der Mitte der Gesellschaft leben können. Und hier in Friedrichshain, wo ich wohne, würde ich das furchtbare Kopfsteinpflaster in Friedrichshain lieber jetzt als gleich gegen einen geraden, ebenen Asphalt eintauschen.

Was gefällt Ihnen hier?
Nun, es gibt auch einen ganz bestimmten Typ von Kopfsteinpflaster bei mir im Kiez, über den ich gerne fahre – das kitzelt dann immer so schön. Und ich mag die Anonymität der Großstadt, in der ich untertauchen und mich als eine von vielen fühlen kann. Wenn ich in meiner Heimatstadt Düsseldorf oder in München auf der Straße bin, werde ich häufiger angeschaut.

Ein Kapitel in Ihrem Buch heißt „Meine Behinderung, der Arschlochfilter“. Was hat es damit auf sich?
Vor drei Jahren war ich Single, habe mich bei Tinder angemeldet und viele Typen kennengelernt. Wegen meiner Behinderung wurde ich oft automatisch aussortiert und kam gar nicht erst als potenzielle Partnerin infrage. Das hat mir gezeigt, dass es auch unter Berliner Singles wenig Offenheit gegenüber Menschen mit Behinderung gibt. Zum Glück habe ich begriffen, dass ich sowieso – ob mit oder ohne Behinderung – niemals einen Mann an meiner Seite haben wollen würde, der so einen engen Horizont hat und nicht offen für Vielfalt ist.

Was hilft Ihnen in solchen Situationen weiter?
Selbstironie ist lebenserhaltend. Wenn ich mich stoße, lache ich darüber, anstatt zu weinen. Wenn man eine Behinderung hat, braucht man Humor einfach umso dringender. Das schafft eine gesunde Distanz zur oft harten Realität.

Laura Gehlhaar liest heute, am 8. Dezember, in der Blogfabrik, Oranienstraße 185, Berlin, 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei, um eine vorherige Anmeldung unter www.eventbrite.de wird gebeten. Gehlhaars Buch „Kann man da noch was machen? Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin.“ ist bei Heyne erschienen, 256 Seiten, 9,99 Euro.

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