Berlin : Berliner Botschaften: Die Farbe Grün

Bernhard Schulz

Unter den Botschaftsneubauten in Berlin gibt es eine ganze Reihe von Kandidaten für zukünftige Architekturlexika. Auf jeden Fall wird das Ensemble der Botschaften der nordischen Länder dazugehören: Die Idee, die fünf Botschaften plus einem Gemeinschaftsgebäude mit einer geschwungenen kupfernen Wand zu umgeben und dergestalt als geheimnisvollen Körper in den Stadtraum zu stellen, machte von Anfang an Furore, einerlei, was sich dahinter befinden mochte.

Der einzige, allerdings schwer wiegende Nachteil des kupfergrünen "Bandes" besteht darin, dass es die Architektur der Einzelbauten vor allen Blicken der Passanten und der zu Zehntausenden vorbeigleitenden Autofahrer abschirmt. Die Botschaftsgebäude selbst dürften zu den unbekanntesten Neubauten Berlins zählen. Wer gehört schon zu den Privilegierten, die über das "Felleshuset", das Gemeinschaftsgebäude hinaus die einzelnen Botschaften besichtigen dürfen?

Abhilfe, so weit dies überhaupt in Buchform möglich ist, bietet jetzt ein Band in der "Opus"-Reihe der Edition Axel Menges, die zu den schönsten Architekturpublikationen auf dem Markt überhaupt zählt. Die Fotografien sind gewissermaßen für die Ewigkeit gemacht: Sie dokumentieren einen Idealzustand, der die Vision der Architekten und die gebaute Realität zur Deckung bringt.

Das Konzept des österreichisch-finnischen Architektenpaares Alfred Berger und Tiina Parkkinen setzt das 1994 gefasste Vorhaben von Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland und Island, sich in räumlicher Nachbarschaft zu präsentieren, optisch fassbar um. Jedes Land veranstaltete seinen eigenen, nationalen Architekturwettbewerb, um sich im sicheren Rahmen des von Berger + Parkkinen vorgegebenen Grundmusters zu präsentieren; das Duo entwarf auch das Gemeinschaftsgebäude, das der öffentlichen Repräsentation aller Nord-Staaten dient. Durch die Vorgabe des Gebäudeensembles auf unregelmäßigem Grundriss war der Fantasie der nationalen Architekten eine nur scheinbar enge Grenze gesetzt: Die Anordnung der Bauten an den Seiten eines x-förmigen Platzes ließ durchaus Raum für charaktervolle Fassaden, und im Inneren konnte sich ohnehin jedweder Gestaltungswille äußern.

Die wunderbaren Fotografien des vorliegenden Bandes feiern zunächst die unterschiedlichen Ansichten des durch Lamellen verschiedentlich zu öffnenden Kupferbandes, zumal bei Tag und bei Nacht, aber danach kommen Fassaden und Innenräume der fünf Botschaftsgebäude zum Glück nicht zu kurz. Das Ensemble hat wohl keine Parallele in der zeitgenössischen Architektur - zumal es als ein Stück gebauter außenpolitischer Programmatik die Zusammengehörigkeit der skandinavischen Staaten auf Dauer beschwört. Mitten in Berlin, so könnte man sagen, ist der Norden Europas in einem grünen Band der Harmonie vereint.

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