Berlin : Berliner Brücken-Poesie am Beispiel einer Sage von der Jannowitzbrücke

Vorab zur Nachsicht: Ich muss muss so schreiben, ohne auf gewohnt alte Selbständigkeit selbst dann zu verzichten, wenn von heute an hier selbstständig zu schreiben Agentur-Regel ist. In einem Leserbrief steht: Sie werden dennoch Themen für Ihre Kolumne finden aber die Buchstabenzahl Ihrer Zeilen (daß = 3, dass = 4) neu bewerten müssen. . . Nun zu einem Gegenstand, der uns über die vertraute Spree hinweg zu einem hübschen Stück Berliner Geschichte führen soll: zur Jannowitzbrücke. Es ist die vierte in ihrer Brücken-Geschichte, die 1822 hölzern begann. Der Baedeker verschweigt sie. Das ist eine schnöde Unterlassung. Ich habe vor, demnächst ein paar Spree-Brücken auf ihre Berliner Poesie hin zu überprüfen und beginne mit der Jannowitzbrücke. Die freilich spröde, deswegen sehr berlinische Brücken-Poesie liegt bei einer Sage: Es gab einen Kaufmann namens Jannowitz. Seine Geschäfte schleppten. Er war also arm. Deshalb heiratete er in einen Krämerladen in der Poststraße.

Das hat seinen Preis; denn was er sich dabei als Ehegesponst eingehandelt hatte, war um etliche Jahre älter als er und potthäßlich zudem. Na schön. Immerhin flutschten nun seine Geschäfte. Um die Waren über die Spree hinweg befördern zu können, baute er eine Brücke. Im nun flotten Gang der Geschäfte waren seine Sinne für eine hübsche und junge Angestellte gelockert, ja geschärft. Er wollte die Scheidung. Die Gattin grämte sich und machte dem ein sprunghaftes Ende: von der neuen Brücke hinab in die Spree. Frau Jannowitz hatte im Sprung noch einen Fluch gegen Herrn Jannowitz geschleudert. Demzufolge wurde die Brücke nach dem Ungetreuen benannt.

Die wirkliche, allerdings nicht gerade poetische Brückengeschichte ist anders. Es gab tatsächlich einen Kaufmann Christian August Jannowitz. Er war Baumwoll-Fabrikant. Sein Geschäft lag in der Scharrenstraße. Er hatte den Brückenbau betrieben. Es heißt, seine Spur ließe sich nur bis 1799 zurück verfolgen, da war er 27 Jahre alt und schon - ausweislich des damaligen Adressbuches - mit Baumwolle befasst. Er war wohlhabend. Und er gab auch ab davon. Seine Frau war weder älter noch potthäßlich. Sie war sogar zehn Jahre jünger. Die Brücke - hölzern anfangs, in späteren Generationen eisern - trug seinen Namen. Diese Namensgebung war also nicht fluchwürdig, sie war vielmehr honorig gegen den auch ums Gemeinwesen in Alt-Cölln verdienten Kaufmann Christian August Jannowitz. Er verkaufte sein Unternehmen in der Scharrenstraße, als er 50 Jahre alt geworden war und betätigte sich ehrenhalber anderweitig. Mit 63 Jahren setzte er sich zur Ruhe. Das war, was er nicht ahnen konnte, sehr spät; denn um die Früchte seiner Arbeit im Glanze hohen Ansehens, nun wohnhaft im Eigenheim Unter den Linden, betrog ihn Vater Hein. Der Kaufmann Christian August Jannowitz verstarb mit erst 67 Jahren. Seine zehn Jahre jüngere Frau folgte ihm siebzigjährig.

Von der Jannowitzbrücke einen kurzen Sprung zu Erich Kästner. Sein Fabian - Die Geschichte eines Moralisten hat einen Handlungsort auf jener Brücke. Im Sechsten Kapitel. Fabian steht mit seinem Freund Labunde nachts am Geländer. Sie blicken auf die Spree hinunter. Dort trieb ein kleines, schwarzes Boot mit einer roten Laterne am Heck dahin. Es ist die Endzeit der ersten Republik. Die Spree unter der Jannowitzbrücke als der sinnbildlich dunklen Strom einer Zeit, gegen die Labunde anzufechten sich bemühte, wohingegen Fabian sich ihr nicht mehr gewachsen fühlte: Die Vernünftigen werden nicht an die Macht kommen, und die Gerechten noch weniger, sagt er resigniert. Viele Wege führen uns über Brücken, ohne Gegensätze zu überbrücken. Wir wandern allzuoft traumselig zu angeblich neuen Ufern, gelangten aber vom Regen unter Umgehung der Traufe in neuen Schlammassel.

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