Berlin : Berliner Christen: Arm an Geld, reich an Ideen

Die finanzielle Krise der Kirche hat auch ihr Gutes. Denn die Sparzwänge haben in den Gemeinden ungeahnte Kräfte freigesetzt

Claudia Keller

Wenn Hertha ein Heimspiel hat, kommen ungefähr 40 000 Zuschauer ins Stadion. 17-mal im Jahr. Genauso viele Katholiken gehen Sonntag für Sonntag in Berlin in die Kirche. Besonders viele zum Beispiel in St. Marien in Tempelhof. Dort muss man pünktlich sein, wenn man sonntags um halb zehn nicht stehen will. Dass liegt zu einem nicht unwichtigen Teil an Michael Streckenbach. Er ist der Kirchenmusiker und bringt jede Woche 200 Menschen bei, wie man im Chor singt, Gitarre spielt und Posaune bläst. Er fängt bei den Dreijährigen an und sagt: „Man betreut jemanden von Geburt bis zum Tod.“

Streckenbach leistet echte Missionsarbeit. Wie sehr das Singen und Musizieren die Leute an die Kirche bindet, zeigte sich in den vergangenen Tagen. Dank der vielen Engagierten kann Streckenbach bleiben, obwohl die Bistumsleitung wegen der finanziellen Krise seine Stelle gestrichen hat – eine Katastrophe für den 56-Jährigen mit vier Kindern, von denen das jüngste fünf Monate alt ist. Der Kirchenvorstand hat entschieden, in Zukunft selbst zu putzen, um das Geld für die Putzfrauen zu sparen und es Streckenbach zu geben. Den Rest seines Gehaltes will man durch monatliche Spenden zusammenbekommen.

Es läuft gut an, sagt Vorstandsmitglied Andreas Wünsche. Denn vielen sei durch die angedrohten Sparmaßnahmen bewusst geworden, was sie zu verlieren haben. „Kirche muss wieder unser eigenes Ding werden“, sagt Wünsche. Der Spendenaufruf von Kardinal Georg Sterzinsky hat einen zusätzlichen Schub gegeben. Allerdings nicht, wie es sich der Kardinal wünschte – der Gedanke, dass ihr Geld in irgendwelchen Haushaltslöchern verschwinden könnte, macht viele Katholiken wütend. Aber die Bereitschaft, für die eigene Gemeinde zu spenden, ist gestiegen.

Die Finanzkrise, die die Katholiken im Moment durchleiden, haben die Protestanten Mitte der neunziger Jahre hinter sich gebracht. In der evangelischen Paulus-Gemeinde in Lichterfelde wird die Kirchenmusikerin seit 1997 von privatem Geld bezahlt. Nicht das gesamte Gehalt, aber ein Teil. Wichtiger noch als das finanzielle Engagement sei die Erfahrung gewesen, nicht mehr zu warten, bis von der Kirchenleitung etwas kommt, sagt Pfarrerin Heike Schulze. Von dieser Erfahrung profitiere die Gemeinde bis heute.

Weniger um Geld als um Psychologie geht es auch in Moabit. Dort wirkt die Bistumskrise im Moment wie eine Verjüngungskur. Zum 1. November haben St. Ansgar im Hansaviertel und St. Laurentius fusioniert. Wie er diejenigen, die wegen der Architektur und der intellektuellen Anregung in St. Ansgar in die Kirche gehen, mit den eher bodenständigen Gläubigen in St. Laurentius zusammenbringen soll, bereitete Pfarrer Justinus Reich Kopfzerbrechen. Er lud seine Gemeinden zur „Zukunftskonferenz“. Dort entschied man gemeinsam, auf was man verzichten kann und was man behalten will. „Auf einen Schlag sind zwölf neue Gruppen in der Gemeinde entstanden“, sagt Justinus Reich. Besonders viele junge Leute sind gekommen, die nun plötzlich Verantwortung übernehmen wollen. Dass es funktioniert, habe die Liturgiegruppe gezeigt. Sie hat die Weihnachtsgottesdienste organisiert, und zwar so, dass beide Gemeinden zufrieden sind.

Besonders jene Ideen beflügeln die Gemeinden, die nicht nur Geld, sondern auch neue Rituale bringen. So wie das Wildschweinessen in St. Martin im Märkischen Viertel. „Da wartet jeder drauf“, sagt Pfarrer Stefan Friedrichowicz. Durch die vielen Feste sind in den vergangenen fünf Jahren 100000 Euro für die Sanierung der maroden Betonkirche zusammen gekommen – und die Gemeinde ist sehr viel lebendiger als früher. Pater Justinus Reich hat sich das tägliche „Fusionsgebet“ einfallen lassen. „Die Leute waren ganz scharf auf das Gebet“, sagt er und kann es eigentlich gar nicht fassen. „Wenn es einmal nicht stattfand, haben sie sich beschwert.“ Viele scheinen nur darauf zu warten, irgendwo eingebunden zu werden und für etwas nützlich zu sein. So auch die 15 Leute, die sich im Sommer in St. Clara in Neukölln zu Küstern haben fortbilden lassen und nun wissen, wann und warum man Glocken läutet und wann der Pfarrer welche Farbe auf seinem Gewand trägt.

Manchmal interessiert man sich eben erst dann für etwas, wenn es droht, verloren zu gehen. Und anders als die Hertha-Fans können die Kirchen-Gläubigen selbst etwas dafür tun, dass es wieder bergauf geht.

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