Berlin : Berliner Chronik: 10. Februar 1976

Vor 25 Jahren berichteten wir: Lärmgeschädigte in der Großstadt findet man nicht nur in Flugschneisen und an Brennpunkten des Verkehrs, wie jüngste Erkenntnisse besagen. Man findet sie mitunter gerade dort, wo öffentliche Planung und soziale Wohnungspolitik dem Bürger Ruhe und Wohnkultur angedeihen lassen wollen: in Neubauvierteln. Dort stehen Häuser, in denen Bad- und Toilettenräume als fensterlose Naßzellen konzipiert wurden, und wo der Architekt das Frischluftproblem mit moderner Lüftungstechnik gelöst hat. Was auf dem Zeichenbrett des Architekten nicht zu erkennen war, bekommt der modern belüftete Zeitgenosse nun alltäglich zu Gehör: Lüftungskanäle und Ventilatoren besorgen nicht nur den Luftwechsel, sie setzen die Luft auch in akustische Schwingungen. Das Ohr des Betroffenen nimmt - so lauten die Klagen von Bewohnern - die arbeitende Belüftungstechnik als Summen, Brummen, Schwirren, Zwitscher, Pfeifen oder Rauschen wahr. Meist aber - und das ist das Tückische an den Geräuschen - wird die zulässige Grenze des meßbaren Geräuschpegels kaum erreicht oder überschritten, was nichts daran ändert, daß auch leise, aber ständige Geräusche unangenehm sein können. Wer beim Einschlafen dem akustischen Belüftungszauber wohl oder übel ausgesetzt ist, unterliegt dem bekannten Martereffekt des tropfenden Wasserhahns.

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