Berlin : Berliner Chronik: 25. Juli 1961

I.B.

Von Tag zu Tag zum Mauerbau:

In den Berliner Blättern beginnt eine Auseinandersetzung um ein Klinik-Drama, die auch in den nächsten Tagen weitergehen wird. Unter dem Titel "Zonen-Krankenhaus verweigert Hilfe" berichtet der Tagesspiegel: "Eine 38jährige Mutter von sechs Kindern aus der Sowjetzone musste am Sonntag sterben, weil ihr Mann in West-Berlin arbeitet." Die Frau aus Glienicke habe eine Fehlgeburt erlitten, doch die nächstgelegene Poliklinik in Hohen Neuendorf habe die Aufnahme verweigert, weil ihr Ehemann nicht in der DDR krankenversichert war. In einem West-Berliner Krankenhaus sei sie unter den Händen der Ärzte verblutet.

Die Ost-Berliner Zeitungen reagieren darauf mit einer Pressekampagne. Die Ost-"Berliner Zeitung" bezichtigt die West-Medien der Lüge und zitiert den ärztlichen Direktor des Krankenhauses Hohen Neuendorf, Dr. Meisezahl - "Verdienter Arzt des Volkes": "Weder am Sonnabend noch am Sonntag ist an das Krankenhaus Hohen Neuendorf die Bitte um Aufnahme einer schwerkranken Patientin herangetragen worden." Der Mann selbst habe - gegen den Rat einer Ärztin des Krankenhauses, die einen Hausbesuch bei der Frau gemacht hatte - darauf bestanden, seine Gattin in eine West-Berliner Klinik einzuliefern.

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