BERLINER Chronik SERIE : 10. Dezember 1961 Jahre Mauerbau

„Verbrecherische Anschläge gegen die Reichsbahn in West-Berlin“.

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Foto: BstU
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DDR-Reichsbahnpräsident Otto Arndt beklagt vor der Presse in Ost-Berlin „verbrecherische Anschläge gegen Signal- und andere Einrichtungen der Deutschen Reichsbahn in Westberlin“. Wie die Ost-Presse meldet, wurde in Schreiben an den britischen Stadtkommandanten und den Innensenator „scharfer Protest gegen die transportgefährdenden Zerstörungen an Stellwerks- und Signalanlagen“ eingelegt. Dies könne „ernsthafte Störungen des reibungslosen Transports von Menschen und Gütern“ auslösen, innerhalb der Stadt wie von und nach Berlin. „Das Gleiche gilt für die Versorgung der Besatzer auf dem Schienenweg“. In Pichelsdorf hätten „verbrecherische Elemente“ die Relaisschranke zweier wichtiger Signale zerstört“, andere den Zugverkehr durch „zusätzliche Signalgebung erheblich gestört“.

Der Interzonenzugverkehr wird plötzlich nur noch eingleisig geführt. Nach West-Berliner Beobachtungen hat die Reichsbahn zwischen Griebnitzsee und Wannsee das Stellwerk stillgelegt, eine Signalanlage außer Betrieb gesetzt und Weichen blockiert. Auf einem Gleis fahren nun in beiden Richtungen Personenzüge, auf dem anderen Güterzüge.

Am Tag zuvor wurde der 20-jährige West-Berliner TU-Student und österreichische Staatsbürger Dieter Wohlfahrt bei einer Fluchthilfe-Aktion erschossen. Gemeinsam mit zwei Freunden und drei Mädchen wollte er die Mutter eines der Mädchen an der Bergstraße in Staaken in den Westen holen, beim Durchschneiden des dreifachen Stacheldrahtzauns auf DDR-Gebiet wurden sie von Vopos überrascht. Eine Kugel traf Wohlfahrt in die Brust. Die anderen konnten weglaufen. Vopos bargen erst nach anderthalb Stunden den leblosen Körper. In einer Pressekonferenz der DDR-Regierung in Ost-Berlin wurde behauptet, die Frau, die zur Grenze „gelockt werden sollte“, habe die Grenzorgane informiert und sie dorthin begleitet. Wohlfahrt habe geschossen und einen Offizier verletzt. Seine Freunde und die West-Polizei bestreiten das.

West-Studenten kritisieren in Briefen an den britischen Stadtkommandanten, den Regierenden Bürgermeister und den Innensenator, dass weder die britische Militärpolizei noch die West-Polizei eingegriffen hat. Doch das tun sie auf Ost-Gebiet nicht. „Als Fluchthelfer ermordet“, steht auf der Gedenktafel für Wohlfahrt, die in der Gartenstraße angebracht wird. Brigitte Grunert

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