BERLINER Chronik SERIE : 12. August 1961 Jahre Mauerbau

Letzte Vorbereitungen der DDR für die Schließung ihrer Grenze

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Ort der Hoffnung. Das Notaufnahmelager Marienfelde 1956. Foto: pa/dpa
Ort der Hoffnung. Das Notaufnahmelager Marienfelde 1956. Foto: pa/dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Der DDR-Ministerrat beschließt die Abriegelung der Grenze nach West-Berlin. Das Wann und Wie verrät er nicht. Der Beschluss wird erst am 13. August im SED-Blatt „Neues Deutschland“ präsentiert. Da ist die martialische Aktion unter dem Decknamen „Rose" längst im Gange, seit 1 Uhr nachts.

An diesem Sonnabend erreicht die Zahl der Flüchtlinge den höchsten Tagesstand. Im Notaufnahmelager Marienfelde werden binnen 24 Stunden bis 16 Uhr 2400 Flüchtlinge registriert, und es sind nicht die letzten. Viele sagen, die am Vortag in der Volkskammer angekündigten „geeigneten Maßnahmen" hätten sie veranlasst, sofort zu fliehen.

Nicht überall kommt man noch durch. Auf den Bahnhöfen an der DDR-Grenze zu West-Berlin, wo es von Vopos wimmelt, dürfen fast nur Alte passieren. So werden Jüngere auf dem S-Bahnhof Potsdam belehrt, der Besuch West-Berlins sei „zur Zeit nicht möglich". Wer als Ziel Ost-Berlin nennt, wird auf den Umweg über den neuen S-Bahn-Außenring verwiesen. Daher sind die in Wannsee haltenden S-Bahn-Züge aus Potsdam schwach besetzt.

Während der Ministerrat in Ost-Berlin tagt, ist schon ein Heer schwer bewaffneter NVA-Soldaten, Mitgliedern von Betriebskampfgruppen, Volks- und Grenzpolizisten zum „Bereitschaftsdienst" beordert. Weshalb, wissen sie nicht, sie werden erst am Abend instruiert.

„Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militaristischen Kräfte Westdeutschlands und Westberlins wird eine solche Kontrolle an den Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist. Es ist an den Westberliner Grenzen eine verlässliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle zu gewährleisten, um der Wühltätigkeit den Weg zu verlegen“, heißt es im Beschluss des Ministerrats. „Solange West-Berlin nicht in eine entmilitarisierte Freie Stadt verwandelt ist“, dürfen DDR-Bürger nur mit einer „besonderen Bescheinigung" dorthin. Besuche „friedlicher“ West-Berliner im „demokratischen Berlin“ sind mit Personalausweis „möglich“, aber „Revanchepolitikern und Agenten des westdeutschen Imperialismus ist das Betreten der Hauptstadt der DDR (demokratisches Berlin) nicht erlaubt.“ Bundesbürger brauchen wie bisher für Tagesbesuche in Ost-Berlin den Pass.

In Nürnberg eröffnet die SPD ihren Bundestagswahlkampf, der für Kanzlerkandidat Willy Brandt unerwartet schon so gut wie beendet ist. Der Regierende Bürgermeister wird nachts im Wahlkampfzug geweckt und fliegt von Hannover nach Berlin. Brigitte Grunert

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