BERLINER Chronik SERIE : 14. August 1961 Jahre Mauerbau

Am Brandenburger Tor gibt es Proteste mit Pfiffen, Steinwürfen und Tränengas

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Berlin kocht vor Zorn über die Abriegelung der Grenze, während die SED die „reibungslose und planmäßige Realisierung der Maßnahmen des Ministerrats zur Sicherung des Friedens und zum Schutz der Bürger“ feiert. Leserbriefe in der Ost-Presse sollen die „Zustimmung des größten Teils der Bevölkerung“ suggerieren. Der Protest, den die westalliierten Stadtkommandanten beim sowjetischen Kommandanten gegen die „flagrante Verletzung“ des Viermächtestatus einlegen, wird im Westen als reichlich spät und lau empfunden.

Auf der Straße des 17. Juni ist allerhand los. Die West-Polizei setzt Wasserwerfer gegen 3000 Heißsporne ein, die zum Brandenburger Tor vorpreschen wollen. Obwohl Ost-Berlin einem Heerlager gleicht und rund ums Regierungsviertel Panzer postiert sind, legen sich Unter den Linden 300 Ostler mit Betriebskampfgruppen an, es kommt zur Schlägerei. Am Brandenburger Tor beantworten Vopos Steinwürfe jugendlicher West-Berliner mit Tränengasbomben. Der Grenzübergang wird wegen „Provokationen“ geschlossen, was auf der Westseite mit Pfui-Rufen quittiert wird. Vorerst bleiben für West-Berliner noch zwölf Übergänge.

Tausende Arbeiter ziehen mit Transparenten vor das Rathaus Schöneberg: „Wir fordern Gegenmaßnahmen!“ Der Protestzug hat sich im AEG-Turbinenwerk Moabit formiert, Arbeiter aus anderen Betrieben schlossen sich an. Diese spontane Meinungsäußerung sei überzeugender als alle offiziellen Stellungnahmen, sagt der Regierende Bürgermeister Willy Brandt.

Hier und da kommen Flüchtlinge durch. Als Brandt und Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier am Brandenburger Tor die Aufmerksamkeit der Vopos auf sich ziehen, flitzt ein Ostler über die Grenze. Anderswo springt ein junges Paar über den Stacheldraht. Ein Ehepaar schickt den kleinen Sohn „rüber“ und bittet die Wachposten, ihn zurückholen zu dürfen. Sie dürfen, schon sind die Wächter überlistet.

Der Senat erörtert eine Änderung der Zuständigkeit für die S-Bahn, die ja in DDR-Regie fährt. Es gehe nicht an, so Brandt, dass der Osten weiter Westgeld für die S-Bahn kassiert. Erwogen wird auch, West-Berlinern, die im Osten arbeiten, den Lohnausgleich zu streichen. Die Basis dafür sei zerstört, da kein Ostler mehr im Westen arbeiten kann. Am Sonntag verlangt Brandt energische Schritte der Westmächte gegen dieses „empörende Unrecht“ wider alle Gebote der Menschlichkeit und die Viermächte-Vereinbarungen. Sie müssten auf Wiederherstellung der Freizügigkeit bestehen. „Die kalten Betonpfeiler, die unsere Stadt durchschneiden, sind mitten ins Herz der deutschen Einheit und in den lebendigen Organismus unserer einen Stadt Berlin gerammt worden“. Brigitte Grunert

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