BERLINER Chronik SERIE : 18. August 1961 Jahre Mauerbau

Ost und West liefern sich ein Lautsprecherduell an der Mauer

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Über Nacht errichten von Grenzposten bewachte Bauarbeiter am Potsdamer Platz und am Brandenburger Tor einen 1,70 Meter hohen Wall aus Hohlziegeln und Betonplatten, der den Stacheldrahtverhau ersetzen soll. Langsam setzt sich im Sprachgebrauch der Begriff Mauer durch. Am Brandenburger Tor wird diese Mauer am Abend kräftig beschallt. Ost und West liefern sich ein Lautsprecher-Duell. Die eine Seite überträgt lautstark die Fernsehrede des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, die andere die Regierungserklärung von Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bundestag.

Alles dreht sich um die Tragweite des Geschehens am 13. August. Adenauer prangert die brutale Verletzung der Menschenrechte und des Vier-Mächte-Status an und betont das Selbstbestimmungsrecht für alle Deutschen. Er redet VierMächte-Verhandlungen und Sicherheitsgarantien für Moskau im Fall der Wiedervereinigung das Wort.

Ulbricht triumphiert. „Die Ultras aus Bonn sind am Brandenburger Tor geschlagen worden“, das nun ein „Symbol der Arbeiter- und Bauern-Macht“ sei. Ausfällig wird er gegen Brandt. Er bezeichnet ihn als „Großmaul“, „Scharlatan“ und „verhinderten Einbrecher“, der „den Kampf um Berlin verloren" habe. „Der aufgeblasene Herr Brandt ist tatsächlich wie ein Luftballon beim bloßen Anblick unserer Volksarmee geplatzt“. Ulbricht behauptet gar, Bonn habe „einen Bürgerkrieg" und „offene militärische Provokationen" geplant. Die Westdeutschen und Westberliner sollten folglich begreifen, „dass es sehr wohl möglich ist, dass ihnen durch unsere Maßnahmen das Leben gerettet wurde".

Indessen berichtet ein letzte Nacht geflüchteter Volkspolizist, zu Beginn der Abriegelung sei der Befehl ergangen, auf alle zu schießen, die sich über die Grenze davonmachen wollten. In seiner Einheit seien 70 bis 80 Prozent gegen die Absperrmaßnahmen. Brigitte Grunert

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