BERLINER Chronik SERIE : 21. August 1961 Jahre Mauerbau

Steinstücken wird isoliert, die Versöhnungskirche zugemauert

von

Der Vizepräsident des West-Berliner Parlaments, Wolfram Müllerburg, beklagt in einem Schreiben an die westalliierten Stadtkommandanten, dass sieben Abgeordnete, die in Ost-Berliner Bezirken wohnen, ihr Mandat seit dem Mauerbau nicht wahrnehmen können. Er ersucht die Kommandanten dringend, sich für die „Wiederherstellung der Rechte dieser Abgeordneten“ einzusetzen. Alle sieben gehören der Gesamtberliner SPD an. Der Bundestagsabgeordnete Kurt Neubauer aus Ost-Berlin war in der Nacht zum 13. August im Bundestagswahlkampf unterwegs und kehrte nicht an seinen Wohnort Friedrichshain zurück.

Die Bewohner der West-Berliner Exklave Steinstücken, die zu Zehlendorf gehört, sind total isoliert. Die Volkspolizei weist plötzlich jeden zurück, der nicht in Steinstücken wohnt. Bisher erhielten West-Berliner an der Grenze problemlos einen Passierschein zum Besuch Steinstückens. Auch dem Bezirksbürgermeister Willy Stiewe wird der Zugang verwehrt. Er möge sich in Ost-Berlin um eine Besuchsgenehmigung bemühen, sagen ihm die Grenzwächter.

Britische Soldaten gehen mit Panzern und Panzerabwehrgeschützen an der Grenze zwischen dem britischen Sektor und der Sowjetzone nahe dem S-Bahnhof Staaken am westlichen Stadtrand in Stellung. Der britische Stadtkommandant hat die beispiellose Aktion befohlen, nachdem bewaffnete Kräfte der Volkspolizei und der SED-Jugendorganisation FDJ mit Schützenpanzerwagen hart an der Demarkationslinie aufgefahren waren, wo den Finkenburger Weg entlang ein zwei Kilometer langer Stacheldrahtzaun gezogen wird.

Die ersten Häuser im Ostsektor an West-Berliner Straßen werden zwangsgeräumt. Die Mieter müssen überstürzt ihre Sachen packen, die auf vorgefahrene Möbelwagen verladen werden, so an der Grenze Treptow/Neukölln. Auf der West-Seite machen 200 Beobachter ihrem Unmut Luft. Vopos werfen Tränengasbomben in die Menge. Am Abend versammeln sich auf der Ostseite 100 Neugierige, als ein Lautsprecherwagen im Westen die Grenze beschallt. Diesmal vertreiben Vopos die Ost-Berliner mit Tränengas und Rauchbomben. Das Portal der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße wird zugemauert. Die Zwangstrennung zahlreicher West- Berliner von ihrer Gemeinde wird sichtbar, sie können die Kirche nicht mehr betreten. Auch der Eingang zum Domfriedhof in der Liesenstraße, der aber auf der Ost-Seite liegt, wird vermauert. Da die Friedhofsmauer die Sektorengrenze markiert und es keinen anderen Zugang gibt, kann niemand mehr die Gräber besuchen. Brigitte Grunert

0 Kommentare

Neuester Kommentar