BERLINER Chronik SERIE : 29. Juli 1961 Jahre Mauerbau

Die DDR warnt alle Flüchtlinge: Im Westen lauert das Verderben

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Premiere. US-General Frederick O. Hartel und Bezirksbürgermeister Willi Stiewe eröffnen das Volksfest. Foto:akg-images
Premiere. US-General Frederick O. Hartel und Bezirksbürgermeister Willi Stiewe eröffnen das Volksfest. Foto:akg-imagesFoto: akg-images

Der Propagandafeldzug gegen die Massenflucht lässt vermuten, dass die DDR-Führung vorhat, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin zu schließen, sie sagt es jedoch nicht. „Die Bonner Einpeitscher eines Atomkrieges, diese für das Leben unserer Nation und ganz Europas gemeingefährlichen Ultras des Westzonenstaates, betreiben gegenwärtig in verstärktem Umfang Menschenhandel“, wird in einer Regierungserklärung behauptet, um „das friedliche Aufbauwerk der DDR zu zerstören und dem wachsenden Ansehen unseres Staates im In- und Ausland entgegenzuwirken“. Die „Abwerbung“ sei das Werk von Bundesregierung und Senat, „militaristischen, revanchistischen und neofaschistischen Verbänden“, Geheimdiensten, Agentenzentralen, Konzernen und Rundfunkanstalten.

An diesem Tag melden sich 1 200 Flüchtlinge in West-Berlin. Es wird gewarnt: „Wer sich zur Teilnahme am Menschenhandel missbrauchen lässt, übt Verrat an der Sache des Friedens und unterstützt die Machenschaften derer, die den Bruder- und Völkermord vorbereiten.“ Wer die DDR verlasse, laufe ins Unglück. Junge Männer würden in NATO-Kasernen von Nazi-Offizieren für den „Überfall auf den Arbeiter- und Bauern-Staat gedrillt“ oder „zur Fremdenlegion gepresst“. Frauen gerieten durch „die öffentliche Unmoral im Bonner Staat auf die schiefe Bahn und landeten im Bordell“.

In großer Aufmachung berichtet die Ost-Presse über einen Prozess gegen fünf „Menschenhändler", alle DDR-Bürger, vor dem Obersten Gericht. Sie hätten im Auftrag westdeutscher Konzerne und Spionagezentralen Landsleute bespitzelt und zum Verlassen der Republik verleitet, vor allem „Angehörige der Intelligenz“ und Facharbeiter. Aus der Anklageschrift: „Durch die Entlarvung der Verbrechen der Angeklagten ist es den Sicherheitsorganen der DDR gelungen, weitere Beweise für die gegenwärtig massivste Form der von den Bonner Ultras geschürten subversiven Tätigkeit gegen die DDR – den organisierten Menschenhandel – zu erbringen“. Die Urteile: Zuchthausstrafen zwischen 15 und zwei Jahren.

Am Hüttenweg in Dahlem eröffnen der Zehlendorfer Bezirksbürgermeister und der Oberkommandierende der US-Garnison das erste deutsch-amerikanische Volksfest auf der „Festwiese der guten Laune". Es soll zu einem Symbol für die Verbundenheit der Berliner mit den Amerikanern werden. Brigitte Grunert

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