BERLINER Chronik SERIE : 30. Juli 1961 Jahre Mauerbau

Chruschtschow gibt dem Westen einen Tipp zum kommenden Mauerbau

Ganz entspannt. Chruschtschow und Kennedy bei einem Treffen in Wien wenige Wochen vor dem Mauerbau. Foto: AFP Foto: AFP
Ganz entspannt. Chruschtschow und Kennedy bei einem Treffen in Wien wenige Wochen vor dem Mauerbau. Foto: AFPFoto: AFP

Der sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow hat dem Westen offenbar eine verschlüsselte Botschaft über die Schließung der Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin zukommen lassen. Wie in London durchsickerte, nutzte er dafür bereits Anfang Juli eine Unterhaltung mit dem britischen Botschafter Sir Frank Roberts anlässlich einer Ballett-Aufführung im Moskauer Bolschoi-Theater. Wenn die DDR West-Berlin „blockiert“ und die Westmächte dagegen gewaltsam vorgehen, „bedeutet das Krieg“, bemerkte Chruschtschow der West- Presse zufolge. Der Westen wird sich am 13. August überrascht vom Mauerbau zeigen, während die DDR-Machthaber ihren Coup noch Jahre feiern werden.

Das Festhalten der Westmächte an ihren Rechten und Verantwortlichkeiten in Berlin habe der Kreml-Chef als „Prestige- Angelegenheit“ bezeichnet, der er jedoch Rechnung tragen wolle. Im Zusammenhang mit der Forderung nach einem Friedensvertrag und Umwandlung West-Berlins in eine „entmilitarisierte Freie Stadt" hatte Chruschtschow mehrfach erklärt, die Sowjetunion werde die Kontrolle über sämtliche Zugangswege nach Berlin an die DDR abtreten, auch die Überwachung der Luftwege.

Die SED erinnert massiv daran, dass sich DDR-Bürger strafbar machen, wenn sie Fluchtvorhaben direkt oder indirekt unterstützen. So veröffentlichen der Rat des Kreises Belzig und die SED-Kreisleitung eine „Warnung“ an „Handlanger des Menschenhandels“. Wer Wertgegenstände wie beispielsweise Fernseher oder Autos von Leuten kauft, die kurz darauf die Republik verlassen, werde „in Anwendung des „Passrecht-Änderungsgesetzes“ bestraft, heißt es in der Erklärung. Auch das Nachsenden von Päckchen mit Habseligkeiten an Geflüchtete gilt demnach als streng verbotene Hilfeleistung.

„Die Bonner Menschenhändler haben im Kreis Cottbus ein dreistes Gangsterstück inszeniert“, berichtet die „Berliner Zeitung“. „In Abwesenheit seiner Eltern wurde der dreijährige Peter Bluhme aus der kleinen deutsch-sorbischen Gemeinde Dissen geraubt und in die Frontstadt West-Berlin, den Umschlagplatz des Menschenhandels, verschleppt“. Dort werde der Junge, dessen Vater bei der Nationalen Volksarmee dient, seit einer Woche festgehalten, „um die Eltern zu erpressen“.

Es war die Großmutter, die sich mit dem Enkelkind nach West-Berlin abgesetzt hat. Was hat sie dazu veranlasst? Schließlich ist Kindesentzug ja auch im Westen ein strafbares Delikt. Doch die Ost-Presse hat sich an die Propaganda zu halten, und danach gibt es nur eine Erklärung, so abenteuerlich sie klingen mag: „Als Werkzeug für diesen Kindesraub bedienten sich die Menschenhändler der als arbeitsscheu bekannten Anna K., der Großmutter des Kindes“, so die Berliner Zeitung: „Die K. wollte sich mit der Kindesentführung eine besonders hohe Kopfprämie verdienen“. Die verzweifelten Eltern hätten Anzeige bei der Volkspolizei erstattet und die Staatsorgane ersucht, bei der Rückführung ihres Kindes behilflich zu sein. Gru

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