Berliner Clubkultur : Könige der Nacht

Gema-Gerede, Clubsterben. Es muss einfach mal wieder überprüft werden, was im Nachtleben Berlins noch los ist. Wer könnte das besser als drei Männer, die dreißig Jahre Ausgehkultur erlebt haben. Ein Trip.

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Muschi Obermaier, 22 Uhr. In der Bar an der Torstraße beginnt die Tour, auch ein bisschen Reise in die Vergangenheit. „Trost und Zuspruch 2 Mark“, steht noch immer über der Eingangstür. Schöne Nostalgie.Mit den ersten Drinks, Moscow Mule und Bier, kommen auch die ersten Erinnerungen. Volker Hauptvogel, Werner Vollert und Frank Mahr (v.l.) erzählen von früher. Sie haben sich ewig nicht gesehen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Sebastian Dudey
31.01.2013 17:45Muschi Obermaier, 22 Uhr. In der Bar an der Torstraße beginnt die Tour, auch ein bisschen Reise in die Vergangenheit. „Trost und...

Der Abend beginnt dort, wo ein solcher Abend zwangsläufig beginnen muss. In einer richtig guten Bar. Muschi Obermaier, Torstraße, Ecke Ackerstraße. Am Tresen das gewöhnliche Mitte-Ensemble an einem gewöhnlichen Dienstagabend. Der Schriftsteller. Die Barschwalbe. Der Filmemacher. Stammgäste. Die Fenster mit Erinnerungen verklebt. Noch junger, aber schon fetter Maradona mit Zigarre. Liegender, nackter Burt Reynolds. Hinten Uschi Obermaier, ebenfalls nackt. Ein paar alte Couchen, warmes, den Suffgesichtern schmeichelndes Licht. An der Decke noch die Tränen der Trinker. Passt schon mal.

Zeitlos guter Ort für ein Treffen mit drei Jahrzehnten Berliner Clubkultur, um, das Gema-Gerede, die Clubsterbepanik im Ohr, zu schauen, wie es ihr so geht: der Nacht in Berlin. Wie sie sich verändert hat. Und wer könnte das besser als Männer, die den Exzess geprägt, den Wandel erlebt haben. Es treten auf, nacheinander versteht sich, die Protagonisten des Abends.

Frank Mahr, 45, einst Gründer des Bonito Houseclubs im Tresor. Kurzes, schwarzes Haar. Sauber getrimmter Bart. Dunkle Tätowierungen, die mit seinem Jeanshemd, dem ganzen Outfit, eine Einheit bilden. Wäre auch kein schlechtes Gesicht für eine Boss-Kampagne. Er, heute Designer, zuletzt Fernsehtürsteher bei "The Voice of Germany", ist schon mal für sich ein Ereignis. Man sieht ihm an, dass er die Nacht verdammt gut kennt. Erste Bestellung. Moscow Mule. Um erst gar keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, wo es heute langgeht. "Ich habe überlegt, mit Bier zu starten, aber das ist doch auch sinnlos."

Asphalt Cowboys. Die Entfernungen zwischen den Clubs werden, auch das standesgemäß, mit dem Taxi zurück gelegt. Gerne auch Großraum, damit genug Platz ist für die Kammerspiele der Nostalgie.
Asphalt Cowboys. Die Entfernungen zwischen den Clubs werden, auch das standesgemäß, mit dem Taxi zurück gelegt. Gerne auch...Foto: Sebastian Dudey

Volker Hauptvogel. 56, West-Berliner Gastronom. In den Achtzigern gehörte ihm der Pinguin-Club in Schöneberg. Künstlertreff damals. Depeche Mode waren Stammgäste, David Bowie hat wohl auch mal vorbei geschaut. Hauptvogel ist eines dieser Originale, die man sich besser nicht ausdenken kann. Rundes, freundliches Gastronomengesicht, mit Augen, in denen der Schalk flackert. Über seinem massiven Oberkörper trägt er den Achtziger-Jahre Klassiker: Chevignon-Jacke in Beige, die er, erstaunlicherweise, immer noch schließen kann. Er bestellt Bier. Mit kurzem Handzeichen. Auch er, na klar: Profi. Vor allem jedoch: Anekdotenmaschine. Geschichtenerzähler. Almanach der West-Berliner Kneipenszene, menschliche Jukebox.

Werner Vollert, 52, Performancekünstler und ehemaliger Clubbesitzer. 1992 öffnete er den Bunker in der Reinhardtstraße. Markenzeichen damals: Techno mit 300 Beats per Minute. Hardcore. Lange her. Vollert ist heute Unternehmer, trägt schwarzes Hemd zu schwarzem Sakko. Riesiges Grinsen, das sofort den Raum füllt. Wahnsinnstyp. Könnte man direkt als Bond-Bösewicht besetzen. Er bestellt Weißwein.

Jetzt könnten wir eigentlich los. Erst mal aber: Umarmungen. Große Begrüßungsgesten alter Freunde, die sich, das Rauschen der Nacht vom Alltag gedämpft, aus den Augen verloren haben. Illustre Runde, findet Frank. Finden die anderen auch. Das kann ja was werden. Dröhnendes Vollert-Gelächter. Wichtig ist jetzt, zu klären, wo es überhaupt hingehen soll. Die Regeln sind simpel. Jeder darf sich, reihum, einen Laden aussuchen, mit dem er etwas Persönliches verbindet.

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