Berliner Comicszene : Schluss mit lustig

Einst war der Comicladen „Grober Unfug“ einer der Vorreiter der kulturellen Belebung von Berlins neuer Mitte. Jetzt zieht das Geschäft um - ein weiteres Opfer der Gentrifzierung.

Vera Weise
Aus, vorbei. Die Miete in der Weinmeisterstraße wurde verdreifacht. Foto: Ullstein
Aus, vorbei. Die Miete in der Weinmeisterstraße wurde verdreifacht. Foto: UllsteinFoto: ullstein bild - Bladt

Licht aus, Tür zu, das war’s. Der Comic-Laden „Grober Unfug“ ist aus der Weinmeisterstraße in Mitte ausgezogen. Um bleiben zu dürfen, hätten die Betreiber künftig das Dreifache an Miete zahlen müssen. Das sei unmöglich für ein kleines Geschäft, das an den Buchpreis gebunden ist, sagt Inhaberin Margitta Fischer, die die Filiale gemeinsam mit ihren beiden Kollegen Bert Henning und Thorsten Alisch vor 13 Jahren eröffnet hatte.

Was die Betreiber des Groben Unfugs gerade erleben, sind die Folgen des berühmt-berüchtigten Gentrifizierungsprozesses. Wenn eine kreative Szene eine Gegend erschlossen und für Touristen interessant gemacht hat, lassen Investoren nicht lange auf sich warten. Standorte werden verkauft und die Mieten steigen. In den vergangenen acht Jahren haben sie sich am Hackeschen Markt mit 125 Euro pro Quadratmeter mehr als verdoppelt. Solche Preise können sich nur noch internationale Modemarken und Luxuslabels leisten. Kommerzialisieren sich die Pioniere nicht, müssen sie weiterziehen und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Der Grobe Unfug war einer dieser Vorreiter. Eine gemütliche Fachbuchhandlung, unter deren kunterbunter Decke man stöbern und mit den Mitarbeitern fachsimpeln konnte. Mit dem Wegzug des Urgesteins verliert das Viertel wieder ein Stück vom guten alten Mitte-Flair, das zwischen H&M, Adidas und Starbucks ohnehin kaum noch zu spüren ist.

Die Folgen des Aufwertungsprozesses wurden von den Betreibern des Groben Unfugs zwar einkalkuliert, und dementsprechend rechneten sie auch mit einer Mieterhöhung. „Aber nicht mit einer Verdreifachung“, sagt Fischer. Schließlich sei das Gebäude in der Weinmeisterstraße nicht an einen Investor verkauft worden – wie etwa im Fall der Fotogalerie C/O Berlin. Zu der Mieterhöhung hat sich die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) entschlossen, der das Haus gehört. Sie sei davon ausgegangen, dass die WBM auf langfristige Mietverhältnisse setze und ihr daran gelegen sei, dass der kleine Laden bleibe. „Vielleicht war das ein bisschen naiv“, sagt Fischer.

Der Vermieter sieht das anders. Die WBM sei dem Groben Unfug lange Zeit mit der Miete entgegengekommen, sagt die Sprecherin des Unternehmens, Steffi Pianka. Letzten Endes bestimme jedoch immer der Markt den Preis. Die Gegend sei einem nicht mehr aufzuhaltenden Wandel unterlegen. Der kleine Szeneladen habe nicht mehr in den Kiez gepasst.

Auf der Suche nach neuen Räumen ist der Grobe Unfug in der Torstraße 75 fündig geworden. Nördlich vom Hackeschen Markt haben hier diverse Berliner Labels und Galerien ein neues Gebiet für sich entdeckt, das direkt an die 1-a-Lage anschließt. Der Kiez ist im Kommen. Das Team vom Groben Unfug hofft, dass sich das Mietniveau trotzdem noch eine Weile hält. Denn umziehen will der Laden so bald nicht wieder.
Eröffnung am heutigen Sonnabend um 11 Uhr. Kommenden Freitag ab 15 Uhr signiert Thomas Körner alias ©TOM seine Touché-Sammelbände; einen Tag später folgt ab 13 Uhr sein Kollege Oliver Naatz. Mehr zu diesen und anderen Veranstaltungen unter diesem Link.

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