Berlin : Berliner Dünenlandschaft

Das Köbis-Dreieck ist eine der letzten Brachen des früheren Diplomatenviertels und soll jetzt bebaut werden. Ein Spaziergang

Christian van Lessen

Zu den unbekanntesten Orten mitten in Berlin zählt das kleine Wäldchen, das nur wenige Schritte vom Tiergartener Lützowplatz entfernt ist. An der Klingelhöfer Straße versperrt gerade ein Weihnachtsbaumhandel die Sicht, vom Bauhaus-Archiv am Landwehrkanal aber öffnet sich der Blick auf das vergessen wirkende Gelände, das wild von Bäumen und Sträuchern bewachsen ist. Hier will der Baulöwe Klaus Groth mit anderen Investoren Wohn- und Bürohäuser errichten. Noch hat die Bundesanstalt für Arbeit das Grundstück nicht verkauft. Aber sicher ist, dass eine der letzten Brachen des ehemaligen „Diplomatenviertels“ in den nächsten Jahren verschwinden und häufiger vom „Köbis-Dreieck“ und seiner rosigen Zukunft die Rede sein wird.

Jenes begehrenswerte Geländedreieck am Tiergartenrand ist begrenzt von der Klingelhöfer-, der Von-der-Heydt- und der Köbisstraße. Köbis? Mit „Köbes“ könnten Kölner etwas anfangen, weil sie kölschbringende Kellner so nennen. Der kleine Hinweis auf dem Straßenschild der Straße, die als Fußgänger- und Radfahrweg durch die Wildnis führt, geht sehr unpersönlich mit dem Namensgeber um. Da steht, dass „Köbis“ einer der Anführer der Wilhelmshavener Matrosenrevolte vom August 1917 gewesen ist. Nachschlagewerke wissen, dass der Mann mit Vornamen Albin hieß und 1892 in Berlin geboren wurde. Mit Max Reichpietsch (aha, Reichpietschufer nebenan) hatte er den revolutionären Aufstand auf dem Linienschiff „Prinzregent Luitpold“ vorbereitet – und sein persönliches Ende. Albin Köbis wurde verhaftet, zum Tode verurteilt, standrechtlich erschossen – in der Wahner Heide bei Köln.

Stellenweise wie eine Heide sieht auch das Gelände neben dem Canisius-Kolleg aus. Ein Gebiet, das eigenartig gewellt ist, als sei ein riesiger Kamm darüber hinweggezogen worden und habe Schneisen und Hügel gebildet. An der Uferstraße schirmen Hecken und ein kleiner Erdwall die Wildnis ab. Wie ein Tal fällt die Fläche ab. Neben Robinien sind dicke Bäume zu sehen, die schon hundert Jahre hier stehen könnten. Alte Gebäudemauern zeugen aber auch davon, dass hier einmal Häuser gestanden haben. Dann gibt es Stellen, die an eine Dünenlandschaft erinnern, und der märkische Sand wirkt an einem der kleinen Hügel besonders fein und hell. Es liegt auch Müll herum. Die Straße, die hindurchführt, ist wiederum recht neu und hat einen breiten, gepflegten Fuß- und Radweg. Wenn ringsherum Bänke stünden, sähe es vermutlich auch nicht anders aus als in mancher öffentlichen Grünanlage. Als in den achtziger Jahren auf der anderen Uferseite das Grand Hotel Esplanade gebaut werden sollte, gab es wütende Bürgeproteste, als ein recht spilleriges Robinienwäldchen weichen musste.

Damals schien auch für das Köbis-Dreieck der Dornöschenschlaf der Nachkriegszeit beendet – anders aber, als es sich das Bezirksamt Tiergarten vorgestellt hatte. Der Bezirk wollte das Gelände ursprünglich zur Erweiterung des Großen Tiergartens nutzen. Die Bundesanstalt für Arbeit aber hatte mit dem Senat vereinbart, das landeseigene Gelände im Tausch mit einem Nachbargrundstück an der heutigen japanischen Botschaft zu erwerben. Für 80 Millionen Mark sollte ein neues Landesarbeitsamt entstehen, der Grundstein war 1990 geplant, vier Jahre später die Eröffnung. Der Entwurf ging aus einem Wettbewerb für die Internationale Bauausstellung IBA hervor: Zwei fünfgeschossige Baukörper in V-Form, ein zentraler Rundbau im Innenhof für das Berufsinformationszentrum, ein viergeschossiger Atriumbau für 60 Schüler der Verwaltungsschule… Mit der Wende waren die Pläne endgültig vom Tisch, das Köbis-Dreieck verlor sich in den Schubladen der Stadtplaner, die in dieser Gegend vor allem das Klingelhöfer-Dreieck im Blick hatten.

Bauherr Groth wollte schon vor Jahren dieses Brachgelände bebauen. Kommt er, wenn auch nur als technischer Entwickler, mit seinen Partnern Hochtief und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wieder zum Zuge, dann hat er fast die Hälfte des „Diplomatenviertels“ bebaut. Den Anfang machte in den achtziger Jahren das IBA-Gebiet an der Rauchstraße in der Nähe des Zoos. In den Neunzigern errichtete er das Tiergarten-Dreieck (einst Klingelhöfer-Dreieck) mit der CDU-Bundeszentrale. Bei deren Eröffnung vor zwei Jahren blickte er auf das Wäldchen gegenüber – als habe er eine Vision. Für ihn war es schon damals kein unbekannter Ort.

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