Berlin : Berliner Einheit: Es geschah nicht gleichförmig, aber ähnlich

Ekkehard Schwerk

Vieles hat sich vermischt. Wo der Eiserne Vorhang sich gehoben hatte, traten auch solche in die Szene, die nichts Gutes im Sinne hatten. Die Hotelbetten werden nicht kalt. Der sich allmählich wieder erholende Kindersegen kommt immer weniger aus ehelichen Betten. Solche und andere Schlüsse zieht das Statistische Landesamt aus Anlass des 10. Jahrestages der Berliner Einheit in einem 172-seitigen Heft.

Zur nahezu konstanten Größe gehört die Gesamtfläche des wiedervereinigten Berlins: 891,4 Quadratkilometer. Der ehemals Ost-Berliner Anteil war mit 405,7 Quadratkilometern kleiner gegenüber dem des ehemaligen West-Berlin mit 485,7 Quadratkilometern. Dafür ist der Anteil, der mit immerhin gut 41 Prozent ins Wasser fällt oder Feld, Wald und Wiesen betrifft, im Ostteil immer höher gewesen als im Westteil.

Die zwar nicht gleichförmige, aber in ihren Auswirkungen auf die Berliner ähnliche Entwicklung betrifft die Wirtschaft. Im Ostteil brach sie infolge des verlustig gegangenen Absatzmarktes des Ostblocks nahezu zusammen. Im Westteil fielen die Subventionen flach, und auch die Verlagerung etlicher Betriebe ins nun wieder zugängliche Umland hatte nachteilige Auswirkungen. Dieser Entwicklung entsprach eine Arbeitslosenquote, die von 180 000 Menschen im Jahre 1991 auf 268 000 im Jahre 1999 anschwoll, was einer Zunahme um 49 Prozent entsprach. Der Dienstleistungssektor indes zog aus den verstrichenen Jahren Vorteile; und auch die Anzahl der Selbständigen nahm zu.

Das wiedervereinigte Berlin gewann beim Tourismus nach anfänglicher Flaute einen kräftigen Auftrieb. Im Jahre 1999 waren es gut eine Million mehr Gäste als 1992. Im Ostteil waren diesbezüglich die Hotels mehr Nutznießer als im Westteil - was die Inanspruchnahme von Betten betrifft.

Beim Kinderkriegen lagen Ost- und West recht weit von einander. Im Westteil blieb es bei kontinuierlich-mäßigem Kindersegen, im Ostteil war die Zurückhaltung beträchtlich: Im ersten Jahr der Vereinigung waren es dort 44 Prozent weniger Geburten als im Jahr guter Hoffnungen 1990. Erst seit 1994 legte sich diese Zurückhaltung. Kindererziehung ist immer mehr Sache von Alleinerziehern. Es gibt also nicht nur weniger Kinder, sondern auch mehr vereinzelte Elternteile.

Die ausländische Bevölkerung ist im Ostteil weniger vertreten, aber sie holt auf. Also auch hier eine allmähliche Angleichung der Berliner Verhältnisse.

Ein nahezu einheitliches Bild ergibt sich bei den mittleren monatlichen Nettoeinkünften. Diese Angleichung, so schreiben die Statistiker, geschah rasch: Lag der Ost-West-Unterschied 1991 bei 850 zu 1550 DM, so hatte er 1996 mit 1500 DM fast gleichgezogen. In den Haushalten haben die Statistiker einen "hohen Ausstattungsgrad" ermittelt, was besonders für Computer gilt.

Wo alles zusammenwächst gedeiht auch Wildwuchs. So schnellten gleich nach Beseitigung des Eisernen Vorhanges die Straftaten hoch und erreichten mit bald 600 000 polizeilich erfassten Fällen im Jahre 1996 ihren Höhepunkt. Sie sind aber seitdem wieder im Sinken begriffen. Übrigens wie auch die Zahl der Verletzten und Getöteten bei Verkehrsunfällen - wohlgemerkt: in Berlin, nicht Brandenburg, wo man schon daran gedacht hat, die Alleebäume umzuhauen.

Ein Berliner Merkmal bekam mit der Vereinigung Verstärkung: Im Durchschnitt steht an den Straßenrändern alle 25 Meter ein Baum. Es sind jetzt gut 410 000 Bäume.

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