Berlin : Berliner FDP: Ganz ungewohnt viel Zustimmung

Brigitte Grunert

Beteiligung oder Nichtbeteiligung der PDS am Senat - das ist hier die Frage. FDP-Chef Günter Rexrodt sieht sich schon in der Schlüsselrolle des PDS-Verhinderers. Nach jüngsten Umfragen würde es zwar für einen SPD/PDS-Senat und erst recht für einen rot-rot-grünen Senat reichen, aber nur eine Minderheit ist auch dafür. Das kann die Regierungschance der FDP in einer rot-gelb-grünen Ampelkoalition sein; für einen CDU/FDP-Senat reicht es nach den Momentaufnahmen der Demoskopie nicht. SPD und Grüne schließen ein Dreier-Bündnis mit ihrem derzeitigen Tolerierungspartner PDS erklärtermaßen nicht aus, doch wäre vielen bei SPD und Grünen eine Ampelkoalition mit der FDP viel lieber.

FDP-Chef Günter Rexrodt aber freut sich über Zuspruch von PDS-Gegnern. Auch zwei prominente DDR-Dissidenten, die unter der Stasi gelitten haben, wollen für die Liberalen werben: die Malerin Bärbel Bohley und der Schriftsteller Lutz Rathenow. Bärbel Bohley hatte immer gute Kontakte zu Bundesspitzen der Union, die sie Anfang 1999 sogar als mögliche Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten ins Gespräch gebracht haben. Doch Frau Bohley wandte sich eben an eine Bekannte mit FDP-Parteibuch. Rexrodt nahm daraufhin Kontakt mit ihr auf.

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Berlin vor der Wahl Lutz Rathenow findet die "rot-grün-gelbe Ampel plausibel, die CDU soll nicht unbedingt wieder regieren". Er gab sein Signal zur Mithilfe in einem Zeitungsinterview; Rexrodt rief ihn umgehend an. Rathenow gehört ohnehin zum Umfeld der FDP. Er ist literarischer Berater der Zeitschrift "Liberal", die von der Friedrich-Naumann-Stiftung herausgegeben wird. Er will aber weder "Parteisoldat" noch "Routine-Wahlkämpfer" werden, sondern "ironisch-einzelgängerisch-literarisch, vielleicht mit weiteren Autoren" für die FDP werben. "Die FDP hat wenig Ostbindungen, sie braucht Erfahrung aus dieser Richtung."

Er sieht die FDP als "pragmatisches Regulativ" und traut ihr "bei allen Bedenken mehr zu als der PDS". Warum, fällt ihm ein, wenn er sich vorstellt, was Jürgen Möllemann und Gregor Gysi am Fallschirmspringen interessieren kann: "Bei Möllemann ist es die Freiheit des Fluges, bei Gysi die Zielgenauigkeit der Landung." In Wahrheit sei die Berliner Wahl ein bundespolitisches Signal. Gysi wolle sie nur für den PDS-Werbefeldzug nach Osten nutzen.

Rathenow will "keinen Kreuzzug gegen die PDS, aber die wirtschaftliche und finanzielle Gestaltungsfähigkeit spreche ich ihr ab". Trotzdem ist er schnell beim SED-Regime, dem "Verschwinden von Milliarden aus dem SED-Vermögen in dunklen Kanälen", bei alten Seilschaften in der PDS. Und Gysis Wort von der PDS als Partei der Einheit findet er nach Lage der Dinge "einen Witz, nein, eine Unverschämtheit".

Ganze 3000 Mitglieder hat die Berliner FDP, davon 300 neue in den letzten acht Wochen. "Noch nie habe ich so viel Zustimmung erhalten", schwärmt Rexrodt. Er findet es "sensationell", dass seine Partei, die dem Parlament seit 1995 nicht angehört, laut Umfragen im Westteil der Stadt in der Wählergunst bei zwölf Prozent liegt; im Osten sind es nur fünf Prozent. Dort braucht er Werbeschwung, den er sich von Leuten wie Rathenow und Frau Bohley erhofft.

Auch eine "Liberale Initiative", will für die FDP werben. Zu den Gründern der Wählerinitiative, die FDP-Tradition hat, gehören neue Helfer wie Peter Dussmann und alte wie Dieter Blümmel vom Haus- und Grundbesitzerverein. Auch der Kabarettist Wolfgang Gruner und selbst die Managementberaterin Gertrud Höhler, bei der CDU vor Jahren als Senatorin im Gespräch, wollen mitmachen. Die Wählerinitiative ist nicht Lutz Rathenows Welt. Macht nichts. Rexrodt plant Wahlkampfauftritte mit ihm und Bärbel Bohley.

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