Berliner Filmgeschichte : Sinfonien der Großstadt

Die „Ufa-Filmnächte“ laden diesmal an drei Abenden auf den Schinkelplatz nach Mitte. Zu sehen sind berühmte Werke der Stummfilm-Ära samt einem Remake.

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Vergesst 007! Bond? Ein Epigone. Vor 50 Jahren zum ersten Mal im Einsatz? Nr. 326 aber war viel früher da. Das war 1928 in Fritz Langs Thriller „Spione“. Willy Fritsch spielte den wackeren Agenten, der einen internationalen Spionagering knacken soll, geleitet von dem Bankier Haghi (Rudolf Klein-Rogge), einem Oberschurken wie Dr. No, Goldfinger oder wie Bonds Widersacher alle hießen.

„Spione“ – das ist der dramatische Höhe- und Schlusspunkt der diesjährigen Ufa-Filmnächte. Im Vorjahr war diese Reihe im Schlosspark Sanssouci begründet worden, unter anderem mit Murnaus „Nosferatu“. Diesmal wird sie an drei Abenden auf dem Schinkelplatz fortgeführt, hinter der rekonstruierten Stadtkommandantur Unter den Linden 1, dem Gebäude der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz, die die Filmnächte gemeinsam mit der Ufa veranstaltet.

Der erste Abend am 16. August bringt gleich ein Doppelprogramm: „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927), Walther Ruthmanns legendäres, aus zahllosen Einstellungen genial montiertes Porträt der alten Reichshauptstadt, sowie das 2000/01 entstandene Remake „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ von Thomas Schadt, ein schon durch den Titel sich am Original orientierender Dokumentarfilm aus dem nun auch schon wieder historischen Berlin der Jahrtausendwende. Live begleitet nach der Musik von Edmund Meisel wird der Ruthmann-Film vom Neuen Kammerorchester Potsdam, Kinoexperte Knut Elstermann von Radio Eins wird einführende Worte sprechen.

Auch am Abend des 17. August steht Berlin im Mittelpunkt. Gezeigt wird Joe Mays „Asphalt“ (1929), begleitet vom Berliner Ensemble Trioglizerin und eingeleitet von dem Schauspieler Joachim Król. Asphalt – das meint vordergründig die Straßen von Berlin, speziell den Kurfürstendamm und den Potsdamer Platz, die beide im Babelsberger Studio nachgebaut wurden. Doch sind sie weniger als Verkehrswege denn als Lebensräume von Bedeutung, als Orte voller Bedrohung, in deren Versuchungen man einsinken und festkleben kann wie in warmem Asphalt. Auch der junge Polizeiwachtmeister Holk (Gustav Fröhlich), an sich eine ehrliche Haut, ist dagegen nicht gefeit, erliegt den Verführungskünsten einer jungen Ladendiebin, muss sich auf Leben und Tod gegen ihren kriminellen Freund durchsetzen, droht im Sumpf der Großstadt zu versinken. Allein, die Liebe rettet ihn.

Bankier Haghi in „Spione“ (1928) dagegen ist nicht mehr zu retten, nachdem Nr. 326 auf ihn angesetzt wurde. Aber einige Probleme bereitet der Supergangster dem Geheimagenten schon, und nicht alle kann Nr. 326 mit Küssen lösen wie die Attacken der gegen ihn intrigierenden schönen Russin Sonja (Gerda Maurus). In dem Film entdeckten seine frühen Rezensenten allerhand aktuelle Anspielungen, sei es, dass Haghi „in der Maske Lenins“ auftrat, wie das „Berliner Tageblatt“ befand, und ohnehin „alles auf Sowjetrussland“ deute, wie das „Reichsfilmblatt“ meinte. Auch Anspielungen auf die damals noch präsente Affäre von 1913 um den für die Sowjetunion spionierenden österreichischen Oberst Redl glaubte man zu erkennen. Heutige Betrachter werden in dem Film dagegen eher eine Frühform des Agententhrillers à la James Bond sehen, der damals trotz schlechter Kritiken (Vossische Zeitung: „Kinder, ist das ein Mumpitz!“) an der Kasse erfolgreich war und die durch Langs „Metropolis“ fast ruinierte Ufa von den ärgsten Sorgen befreite.

Der von Neil Brand am Klavier begleitete und von dem TV-Moderator Jörg Thadeusz eingeleitete Film beschließt am 18. August die Reihe der Ufa-Filmnächte. Von flankierender Werbung wie zu seiner Berliner Premiere 1928 wurde nichts bekannt. Damals ließ die Ufa vier Flugzeuge im Formationsflug über der Stadt kreisen. An den Unterseiten der Tragflächen stand in großen Lettern: „Spione“.

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