Berliner Flughäfen : Weitere Flugstreichungen

Allein die Airline Easyjet hat am Freitag 30 Flüge gestrichen. Bis in den späten Freitagabend kommt es auf beiden Berliner Flughäfen zu Flugstreichungen und Verspätungen. In Tegel verspäten sich Flieger um zwei Stunden, in Schönefeld vereinzelt um 9.

von und Thordis Meyer
Warten auf den Abflug. Nach dem tagelangen Chaos an den Flughäfen, sieht es auch heute nicht viel besser aus. Die Passagiere können nur warten und hoffen.Weitere Bilder anzeigen
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10.12.2010 11:51Warten auf den Abflug. Nach dem tagelangen Chaos an den Flughäfen, sieht es auch heute nicht viel besser aus. Die Passagiere...

Im Verlauf des Freitags unterlag der Flugverkehr in Schönefeld weiterhin großen Einschränkungen. Nach Tagesspiegel.de-Recherchen wurden insgesamt 46 Flüge gestrichen, darunter Starts und Landungen gleichermaßen. Von den Streichungen entfielen 32 allein auf die Fluggesellschaft Easyjet. Die Berliner Flughäfen vermeldeten für Freitag insgesamt 50 gestrichene Flüge, darunter 30 in Schönefeld und 20 in Tegel. In Schönefeld landet auch am Freitagnachmittag jeder internationale wie innerdeutsche Flug verspätet. Auch in Tegel verspäten sich Abflüge und Ankünfte, Streichungen erfolgen hier noch vereinzelt. Während einige Flieger in Schönefeld mit neun Stunden Verspätung landen und starten und die Wartezeit nicht selten zwischen drei und fünf Stunden beträgt, müssen Passagiere in Tegel mittlerweile Wartezeiten von bis zu zwei Stunden in Kauf nehmen.

Flughafensprecher Leif Erichsen zeigte sich "ärgerlich und frustriert" über die Einschränkungen im Berliner Flugverkehr, betonte aber, dass er seinen "Laden über die letzten Tage sauber gehalten" habe und meint damit umfassende Arbeiten des Winterdienstes, aufgrund derer beide Flughäfen laut Erichsen geöffnet bleiben konnten. Allerdings gleiche die Situation einem langen Stau auf der Autobahn. Auch der löse sich bekanntlich nur sehr zögerlich auf. Am Freitagnachmittag wollte Erichsen sich noch nicht zum Betriebsablauf der nächsten Tage äußern. Er hoffe aber, dass der Engpass des Enteisungsmittellieferanten Clariant vorbei sei. Erichsen kündigte Gespräche mit den Beteiligten an, bei denen darüber beraten werden solle, wie man künftig derartige Situationen vermeiden könne. "Die Passagiere können sicher sein", sagte Erichsen gegenüber Tagesspiegel.de, "dass wir alles daran setzen, dasss das nicht wieder passiert - in dem Maßen, wie es in der Macht eines Flughafens steht."

Die Entscheidung, ob ein Flugzeug enteist werde oder nicht, treffe der jeweilige Pilot und sei unabhängig von der Airline. Der seitens des Flughafens in der Kritik stehende Zulieferer Clariant gab an, dass man bei Nassschnee, wie er gerade fiele, nicht wie üblich 100, sondern über 1000 Liter Enteisungsmittel pro Flugzeug brauche. Auch Globe Ground bestätigte diese Spanne zwischen 100 und 1000 Litern. Bei einem Tanklastzugvolumen von 20.000 Litern können also im ungünstigsten Fall lediglich 20 Flugzeuge enteist werden. Es sei „absolut ärgerlich“, dass sich ein Engpass beim Hersteller der Flüssigkeit bis in den Freitag hinein gezogen habe, gab Flughafensprecher Erichsen an. Eine Erklärung dafür sei Clariant bisher schuldig geblieben, kritisierte Erichsen.

Laut der Sprecherin des Unternehmens Globe Ground, das für die Enteisung beider Berliner Flughäfen zuständig ist, hat Tegel bereits am Donnerstagabend sowie am Freitagmorgen jeweils 20.000 Liter Enteisungsflüssigkeit erhalten. In Schönefeld sei am frühen Morgen ebenfalls ein Tanklastzug des Produzenten und Zulieferers Clariant eingetroffen. Weiterer Nachschub wird laut Globe Ground am Freitagmittag erwartet. "Seit 7:50 Uhr enteisen wir in Schönefeld wieder", sagte die Sprecherin. Seitdem habe auch die Abfertigung in Schönefeld wieder begonnen.

Der Anwalt für Reiserecht Paul Degott sieht die Verantwortung bei den Flughäfen und Airlines: „Flughafenbetreiber und Fluggesellschaften müssen sich auf einen Wintereinbruch vorbereiten“, sagte er, „Solche Organisationsmängel sind ganz klar kein Fall von höherer Gewalt.“ Er empfiehlt Passagieren, sich nicht einfach den Ticketpreis erstatten zu lassen, das dies den Vertragspartner aus seiner Pflicht entlasse. Den Nachweis der höheren Gewalt muss laut Degott die Airline erbringen. Allerdings ist die Fluggesellschaft auch bei derartig begründeten Ausfällen dazu verpflichtet, sich um eine Unterbringung sowie eine Ersatzbeförderung für ihre Fluggäste zu kümmern.

Laut Globe Ground sind die Engpässe beim Enteisungsmittelzulieferer Clariant zwar die Ursache für die derzeitigen Flugausfälle und -verspätungen, die internationalen Beeinträchtigungen des Flugverkehrs führten jedoch dazu, dass das verzweigte Flugroutensystem durcheinander gerate: "Wenn die Netzwerkplanung einmal zusammen gebrochen ist, braucht es zwei bis drei Tage, bis sich der Flugverkehr wieder normalisiert hat", sagte die Globe-Ground-Sprecherin gegenüber Tagesspiegel.de. Es fehle demzufolge auch nicht nur an Enteisungsmitteln, teilweise seien zu wenig Maschinen und Crews vorhanden. Zudem gingen langsam die Stellplätze aus. Denn am Donnerstag konnten knapp 30 Maschinen wegen Vereisung nicht starten. "Am Donnerstagabend waren wir bis auf den letzten Stellplatz belegt", betonte Flughafensprecher Erichsen. Dadurch war der Platz für ankommende Maschinen blockiert, sodass diese erst gar nicht in den jeweiligen Abflughäfen starteten. Diese wiederum fehlten nun am Freitag in Berlin.

Auch für Air Berlin haben die derzeitigen Verspätungen nur noch wenig mit der Enteisungsflüssigkeit zu tun. Sie seien "Nachhalleffekte" der großen Einschränkungen von Mittwoch und Donnerstag, sagte eine Sprecherin. Im Vergleich zur Mitte der Woche sei heute ein "weitgehend normaler Wintertag" für den Flugbetrieb. Air Berlin musste am Freitag zwei Flüge streichen, Mittwoch und Donnerstag waren es laut Air Berlin noch rund 100 Flüge von und nach Berlin.

Mehrere Dutzend Menschen hatten die ganze Nacht in Schönefeld auf dem Boden verbracht, obwohl von den Fluggesellschaften genügend Hotelgutscheine ausgegeben worden waren. Alle Fluggesellschaften versuchten, die wenigen vorhandenen Maschinen bis auf den letzten Platz zu füllen. Dennoch glich das Abfertigungsgebäude einem großen Durcheinander. „Es gibt kaum Informationen und die Durchsagen beschränken sich auf Sicherheitshinweise“, kritisierte ein Fluggast mit dem Ziel Paris. Als endlos habe er die Wartezeit in der Schlange vor den Schaltern empfunden.

Easyjet empfiehlt Passagieren dringend, sich im Internet unter www.easyJet.com über die aktuelle Situation ihrer Flüge zu informieren. Bei Flugausfällen bietet Easyjet Fluggästen eine kostenlose Umbuchung im Internet oder die Rückerstattung des Flugpreises an. Bereits gestern waren in Berlin dem Winter-Chaos 200 Flüge zum Opfer gefallen, was etwa einem Drittel der geplanten Starts entspricht. Auf dem größten Airport des Landes in Frankfurt am Main wurden für Freitag zunächst 40 Fluge gestrichen, wie Flughafensprecher Gunnar Scheunemann auf Anfrage sagte. Darüber hinaus sei mit Verspätungen zu rechnen. Insgesamt waren in Frankfurt am Main seit Donnerstag mehr als 450 gestrichen worden. (mit dapd und dpa)

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