Berlin : Berliner Friedensaktivisten sind aus Bagdad geflohen

Mit Journalisten nach Amman gelangt/Weiterer Berliner vermisst

Lars von Törne

Rauch über der Stadt, Bomben rund um die Uhr, Lebensmittel, die immer knapper werden: Die Leidensfähigkeit der beiden Berliner Friedensaktivisten in Bagdad ist in den vergangenen Tagen auf eine große Probe gestellt worden. Am Mittwoch hatten der Sozialwissenschaftler Fred Klinger und der Ingenieur Reinhold Waßmann dann genug. Die beiden haben mit Hilfe türkischer Journalisten die umkämpfte Stadt verlassen und sind am Mittwochabend wohlbehalten in der jordanischen Hauptstadt Amman angekommen. Das sagte Fred Klingers Schwester Stella Klinger-Mitropoulos dem Tagesspiegel. Von Amman wollen die beiden Pazifisten am heutigen Donnerstag zurück nach Deutschland fliegen.

Reinhold Waßmann hatte bereits am Tag zuvor Zweifel an der Mission der beiden in Bagdad angedeutet. Für die humanitäre Arbeit, die der Ingenieur gemeinsam mit Fred Klinger eigentlich in Bagdad leisten wollte, gibt es trotz der zunehmenden Bombardements bislang keinen Bedarf, schrieb Waßmann in einer E-Mail vom Dienstagabend. Im Sankt-Raphael-Hospital, in dem die beiden Berliner helfen wollten, „sind zurzeit noch keine Verwundeten eingeliefert worden.“ Die humanitären Auswirkungen des Krieges konnte der 53-Jährige, der an der TU als Laborleiter arbeitet, indes schon deutlich sehen: „Es sind sehr viele junge Frauen mit Fehlgeburten eingeliefert worden. Sie halten den psychischen und physischen Druck nicht aus und verlieren ihr Baby. Der Krieg fordert schon Menschenopfer, die noch gar nicht geboren sind.“

Waßmann hatte sich offenbar bis zum Schluss unkontrolliert durch die weitgehend menschenleeren Straßen Bagdads bewegen können. Er berichtete, dass viele Menschen, die ihm begegnen, sehr verschlossen reagieren. Als überraschend freundlich erlebte er die Bürgerwehr-Soldaten in der Nähe seines Hotels: „Als ich (am Dienstag) am fast ständig präsenten Milizposten vorbeikam, winkten mich die am Boden sitzenden Polizisten zu ihnen. Sie aßen gerade und luden mich zum Essen ein. Ich kniete mich zu ihnen und aß Fladenbrot mit Huhn und Reis. Sie konnten nur ein paar Brocken Englisch. Aber man muss nicht immer viel reden, um sich zu verstehen.“

Große Sorge bereitet den Friedensaktivisten und ihren Mitstreitern in Berlin der Verbleib eines Freundes, der vor zwei Wochen mit ihnen nach Bagdad aufgebrochen war, aber in Jordanien wegen eines fehlenden Visums festgenommen worden war. Der Zahntechniker Hassan Hamdar, der aus dem Libanon stammt aber nach Angaben der Gruppe seit 15 Jahren mit einer Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland lebt, wurde am 12. März in Amman von den Behörden von den fünf übrigen Mitgliedern der Gruppe „Last Minute to Bagdad“ getrennt. Er hätte bereits in Deutschland ein Visum beantragen müssen, hieß es. Seitdem hat die Gruppe kein Lebenszeichen mehr von ihm bekommen, ebenso wenig seine in Berlin lebende Frau. Seine Freunde haben Amnesty International, die deutsche Botschaft sowie das Rote Kreuz eingeschaltet – bislang ohne Erfolg.

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