Berlin : Berliner Gas-Explosion: Die Rückkehr der Mieter wird heute geprüft

Cay Dobberke

Lothar Terletzki hatte wohl wenig Kontakt zu seinen Nachbarn: An den mutmaßlichen Verursacher der Gasexplosion an der Herderstraße 6 konnten sich gestern weder eine Frau aus dem relativ wenig beschädigten Hinterhaus noch andere Anwohner der Straße erinnern. Die Postbotin sagte achselzuckend: "Den kenne ich nicht."

Auch Klaus Lüdcke von der Tierärztekammer, deren Büro im Haus verwüstet wurde, wechselte nie ein Wort mit dem Gesuchten. "Aber ich weiß inzwischen, dass er keinen Hund hat", sagte der Verbandspräsident. Dies spreche gegen die Vermutung, dass die Tat mit der Diskussion um ein Kampfhundeverbot zusammenhängen könne.

Heute Mittag soll entschieden werden, ob die ersten Wohnungseigentümer schon wieder zurückkehren können. Mitarbeiter der Charlottenburger Bauaufsicht wollen zusammen mit Vertretern der Hausverwaltung die Statik begutachten, wie Baustadträtin Beate Profé ankündigte. Das besondere Augenmerk gilt einer tragenden Wand im Vorderhaus, die durch die Druckwelle in Schräglage geriet und im Laufe des Montags provisorisch abgestützt worden war. "Wahrscheinlich muss eine neue Wand gebaut werden", meinte Stadträtin Profé. Auch eine behelfsmäßig abgestützte Treppe im Seitenflügel, die starke Risse aufweist, müsse gründlich untersucht werden. Im Vergleich dazu seien die Schäden im Hinterhaus "Kleinkram"; dort gingen Türen und Geländer kaputt.

Das bezirkliche Sozialamt hat vorsorglich Ersatzwohnungen für die Betroffenen reserviert. Außer der 47-jährigen Bewohnerin, die lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus liegt, kamen alle Bewohner aber bei Verwandten oder Bekannten unter. Für den Fall, dass die Wohnungen an der Herderstraße für längere Zeit gesperrt bleiben, rechnet das Sozialamt allerdings doch noch mit einer Nutzung seines Angebots. Den Explosionsort besuchte gestern bis zum Nachmittag keiner der Wohnungseigner mehr; ein paar der nötigsten Dinge hatten sie bereits am Montag aus ihren Räumen holen können.

Ersatzbüro für Tierärztekammer

Die Tierärztekammer fand ein vorläufiges Ersatzquartier bei der Apothekerkammer an der nahen Kantstraße. Ob wieder ein Büro in der Herderstraße entsteht oder ein neuer Standort gesucht wird, hängt laut Präsident Lüdcke von der Dauer der Sperrung ab. "Der materielle Schaden ist eher gering", sagte er, zumal die Computer und andere Einrichtungsgegenstände versichert seien. Man habe aber unersetzliche alte Akten im Keller gelagert; falls diese vernichtet seien, wäre "der ideelle Verlust groß".

Die Reparaturen begannen gestern ohne den Einsatz schweren Geräts. In der weiterhin abgesperrten kleinen Straße standen ein halbes Dutzend Firmenwagen von einem Glaser und anderen Handwerkern neben zwei Mannschaftswagen der Polizei und drei Streifenfahrzeugen. An der Vorderfassade des vierstöckigen Altbaus wurden die zerborstenen Parterrefenster zunächst durch Holzlatten ersetzt.

An die Detonation erinnerten an der Straße außerdem zersplitterte Scheiben im ersten Stock und kaputte Möbel, die von der Polizei und Feuerwehr auf den Gehweg geschafft worden waren. Der meiste Schutt lag im Hof, wo in den Baumkronen auch noch Papiere und kleinere Gegenstände hingen.

Erstmals durften Reporter den Hauskeller besichtigen, in dem es zur Explosion kam. Spuren einer Manipulation erkannte man in dem Chaos allerdings nicht mehr. Schwere Stahltüren waren stark verbeult und teils aus ihren Angeln herausgerissen worden, aus den eigentlich durchaus stabilen Metallgittern eines Kellerverschlags wurden bizarre Knäuel. Durch die stellenweise eingestürzte Kellerdecke konnte man in eine zerstörte Wohnung hineinsehen, die mit Holzplanken provisorisch zugänglich gemacht wurde.

Mitten im Flur lag zwischen verstreuten Formularen der Tierärztekammer ein Papier, das nach der Explosion wie ein makabrer Scherz wirkte: ein wohl für Tiermediziner gedachter Antrag auf eine Hausratversicherung.

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