Berliner Geschichte : Speers Geheimnis unter dem Teufelsberg

Die Wehrtechnische Fakultät der Nazis wurde nach dem Krieg von Schuttmassen begraben. Der Verein Berliner Unterwelten will sie dennoch erforschen.

Christoph Stollowsky

Zuerst bräuchte Dietmar Arnold einen Bagger und Leute mit Spaten und Ausdauer. Rund zwanzig Meter tief müssten sie sich mithilfe des schweren Gerätes am nordöstlichen Rand des Teufelsberges ins Erdreich buddeln, schätzt Berlins erfahrenster Untergrundforscher. Und sie müssten durchhalten, bis sie auf Beton und Ziegel stoßen – die Hülle des letzten großen, noch unentdeckten Geheimnisses im Untergrund der Stadt. „Das sind die Reste der von den Nazis gebauten Wehrtechnischen Fakultät, die unter dem Trümmerschutt des aufgeschütteten Teufelsberges liegt“, erklärt Arnold. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens seines Vereins Berliner Unterwelten hat er sich vorgenommen, auch in dieses verschwundene Bauwerk vorzudringen.

Das ist allerdings ein Projekt für die kommenden Jahre. Nachdem Arnold den Verein 1997 mit elf Mitstreitern gründet hatte, erforschten und dokumentierten sie erst einmal mehr als fünfzig unterirdische Bunkeranlagen, stillgelegte U-Bahnschächte oder vergessene Brauereigewölbe. Im einstigen Luftschutzbunker am U-Bahnhof Gesundbrunnen richteten sie ein Berliner Untergrundmuseum ein, machten den riesigen Flakbunker unter dem Humboldthain für Führungen zugänglich und bekamen dank der Faszination der dunklen Welten schnell gewaltigen Zulauf: 2006 nahmen schon 60 000 Neugierige an Untergrundführungen teil. Inzwischen ist der Verein ein kleines Unternehmen geworden mit 250 Mitgliedern, zwanzig festen Mitarbeitern und professionellem Untergrund-Knowhow.

Gute Voraussetzungen für ein Forschungsprojekt wie am Teufelsberg im Grunewald. Der mit 114 Metern höchste Gipfel Berlins besteht in seiner oberen Hälfte aus 26 Millionen Kubikmetern aufgeschütteter Kriegstrümmer. Man brachte diese in den späten 40er Jahren auf einen bereits vorhandenen Sockel auf – eine etwa 50 Meter hohe natürliche Anhöhe. Auf dieser hatten die Nazis bis 1940 den ersten Teil einer im Rahmen der geplanten „Reichshauptstadt Germania“ vorgesehenen riesigen Hochschulstadt im Rohbau fertiggestellt: die sogenannte Wehrtechnische Fakultät, das künftige Schulungszentrum des militärischen Nachwuchses. Für die Summe von 80 Millionen Reichsmark entstand dort nach den Plänen von Albert Speer ein typisches NS-Gebäude im Stil und mit dem Ausmaß des damaligen Reichsluftfahrtministeriums und heutigen Finanzministeriums in Mitte. 1937 legte Hitler den Grundstein, doch 1940 stoppte man wegen „kriegsbedingter Probleme“ den weiteren Ausbau.

Nach Kriegsende erwogen die Briten, darin ihr Hauptquartier einzurichten. Die notwendigen Ausbauten erschienen ihnen aber dann doch zu kompliziert, weshalb entschieden wurde, über dem NS-Bau gut die Hälfte des Berliner Trümmerschutts aufzutürmen. Das war die Geburtsstunde des Teufelsberges.

Seither vergnügen sich dort oben Modellpiloten und Drachenflieger, aber kaum jemand ahnt, welches gewaltige Bauwerk unter seinen Füßen liegt. Teilweise wurde der Rohbau gesprengt, bevor die Trümmerlaster kamen. Aber in „großen Teilen muss die Fakultät noch vorhanden sein“, sagt Dietmar Arnold. Und gewiss gebe es dort unten auch eine riesige, mehrstöckige Bunkeranlage im Tiefgeschoss.“ Auch in diese wollen die Unterwelter mit Helm und am Seil gesichert wie die Höhlenforscher vordringen.

Am Sonntag, 17. Juni, lädt der Unterwelten-Verein anlässlich des Jubiläums von 11 bis 20 Uhr ins Untergrund-Museum in der südlichen Vorhalle des U-Bahnhofs Gesundbrunnen. Man kann das Museum im Bunker selbst erkunden. Außerdem gibt es geführte Fledermaus-Touren durch den nahen Flakbunker unter dem Humboldthain.

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