Berliner Gesprächskultur : Müsst ihr immer über Wohnungen reden?

Neukölln ist sooo teuer geworden, Laminat geht gar nicht, die Hausverwaltung will ... Stopp, es nervt, wenn jeder Kneipenabend mit Immobilienblabla endet. Ein Kommentar.

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"Zu vermieten" - Wohnung in Berlin-Schöneberg.
"Zu vermieten" - Wohnung in Berlin-Schöneberg.Foto: dpa

Wohnungen erfüllen in Berlin traditionell zwei Funktionen. Man kann drin wohnen. Und man kann drüber reden. Drin wohnen muss jeder, drüber reden darf ab sofort keiner mehr. Ja, richtig gehört: Verhängt wird hiermit ein Moratorium für Wohnungsgespräche jeglicher Art. Tritt unverzüglich in Kraft, gilt ohne Befristung und wird bitte durchgesetzt von Berlins Wohnungsgeneralsekretär Andrej Holm, der sein Handwerk bekanntlich bei der Stasi gelernt hat und Immobiliendebatten nun so rücksichtslos verfolgen wird wie einst die Konterrevolution, mit Strafen bis hin zur Ausbürgerung.

Sie finden das harsch? Dann leben Sie einfach noch nicht lange genug in Berlin. Sonst wüssten Sie nämlich, wie sie nerven, jene immergleichen, endlos um sich selbst kreisenden Wohnungsgespräche, mit denen sich zuverlässig jeder Kneipenabend ruinieren, jede Party vermiesen, jedes Date vermasseln lässt. Bezeichnen wir diese Art aggressiv-langweilige Un-Unterhaltung im Folgenden als Immonolog. Dieser tritt in Berlin in sechs Grundvarianten auf.

Schlimm: Immonologe über die perfekte Wohnung. Laminat geht gar nicht. Balkon muss schon sein. Niemals Neubau. Yes, Südwestseite! Mir sind Berliner Zimmer echt zu dunkel. Ich liiiiebe Flügeltüren! Kohleöfen haben eine ganz eigene Art von Wärme. Hauptsache, Holzfenster. Wow, deine Dielen sind ja ... und so weiter. Erstsemester und sonstige Berlin-Neulinge mögen aus solchen Gesprächen einen gewissen Nachrichtenwert schöpfen, aber für den Rest der Stadt gilt: Kennst du eins, kennst du alle.

Voll schön, der Kaskelkiez, aber da kriegst du nichts mehr

Schlimmer: Immonologe über die perfekte Lage. Neukölln ist sooo teuer geworden. Prenzlberg ist ohne Kinder nicht zu ertragen. Voll schön, der Kaskelkiez, aber da kriegst du nichts mehr. Pssst, Moabit ist das neue Kreuzkölln. Alles, nur nicht Osten. Ich würde ja nie in den Westen ... und so fort. Kieze kommen und gehen, der Satzbau bleibt bestehen.

Noch schlimmer: Immonologe über Mieten. Was zahlt ihr so? Ist das kalt oder warm? Und nettokalt? Alter Vertrag, was? Anfang der 90er hatte ich 50 Quadratmeter am Stutti für 200 Mark, jetzt gibt’s am Kotti fünf Quadratmeter für 2000 Euro. Habt ihr ’ne Staffel drin? Die letzte Erhöhung habe ich weggeklagt, aber jetzt ... et cetera. Fesselnder ist es, einer Skatrunde beim Reizen zuzuhören.

Am schlimmsten: Immonologe über die Wohnungssuche. Die Schlange stand bis zum Späti. Einer hat dem Makler Babyfotos gezeigt. Das war voll die Bruchbude. Ich suche jetzt seit fünf Monaten. Ich kenne einen, der sucht seit zwei Jahren. Wir wollen ja unbedingt im Kiez bleiben. Kreuzberg ist echt abgegrast ... et cetera ad nauseam.

Am allerschlimmsten: Immonologe über Eigentumswohnungen. Unter 4000 ist unrealistisch. Wir machen das als Altersvorsorge. So niedrige Zinsen gibt’s nie wieder. Schon 32 Prozent Wertsteigerung in den letzten zwei Jahren. Unsere Eltern wollen Geld anlegen. Die Mieten steigen eh immer weiter. Ich kenne da einen Notar ... usw. usf. etc. pp.

Alles voller Schwaben

Und wirklich am allerallerschlimmsten: Immonologe über die Gentrifizierung. Da wohnen überhaupt keine Alten mehr. Früher war das mal ein Arbeiterbezirk. Die Mietpreisbremse greift nicht. Alles voller Schwaben. Rheinländer raus. Bei Airbnb gibt’s immer noch Ferienwohnungen, das Zweckentfremdungsverbot wird gar nicht ... und immer, immer so weiter. Was als Kampfrhetorik echter Aktivisten natürlich seine Berechtigung hat, ist als folgenloses Partygelaber unerträglich.

Dann wären da noch Immonologe über Hausverwaltungen, Mietrechtsfragen, Nebenkostenabrechnungen, Mietervereine, Bausparverträge, Wohnkredite, dänische Immobilienkonzerne ... Die Liste ist lang, und leider scheint sie immer länger zu werden.

Wie bitte? Es liegt an der Verschärfung des Berliner Wohnungsmarkts, dass in jüngerer Zeit kaum noch ein Kneipengespräch ohne Immonolog auskommt? Sicher richtig. Umso nützlicher wäre ein einstweiliges Kommunikationsverbot – damit wir uns irgendwann wieder über unser Wohnen verständigen können, ohne uns mit Klischees zu langweilen.

Dieser Text erschien am 7. Januar 2017 als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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