Berliner Gesundheitswesen : Die Masernwelle ebbt ab

Zum Ende der Ferien ist die Zahl der Fälle weiter gesunken. Warum, ist den Behörden noch unklar.

Pascale Müller
Im Impfpass sind alle Impfungen dokumentiert. Wenn der verschwunden ist: Noch einmal gegen Masern impfen lassen.
Im Impfpass sind alle Impfungen dokumentiert. Wenn der verschwunden ist: Noch einmal gegen Masern impfen lassen.Foto: Warnecke/dpa

Leere Pausenhöfe, leere Krankenbetten: Der epidemiologische Wochenbericht des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) vermeldet in der Woche vor Ferienschluss nur einen neuen Masernfall.

Und wenn die Schule wieder anfängt, gehen die Masernzahlen dann wieder in die Höhe? „Das kann man nie ausschließen, aber der Maserndruck in der Stadt hat stark abgenommen“, sagt Dirk Werber, Fachgruppenleiter der Arbeitsgruppe Infektionsepidemiologie des Lageso. Laut Werber können die Sommerferien zwar ein Faktor für den Rückgang gewesen sein, weil Berlin leerer war als sonst. Einen direkten Zusammenhang zwischen Schulferien und rückläufigen Masernzahlen sieht er aber nicht. „Übertragungen in Schulen spielten während des gesamten Ausbruchs nur eine geringe Rolle“, sagt Werber.

Der Anteil der Berliner Kinder, die bei ihrer Einschulung bereits die zweite Schutzimpfung gegen Masern erhalten haben, liegt bei gut 92 Prozent. Damit sind sie besser geschützt als die meisten anderen Altersgruppen. „Trotzdem ist der Schulanfang ein guter Anlass, den Impfschutz zu überprüfen“, sagt Werber, auch für die Lehrer. Während des letzten Ausbruchs im vergangenen Frühjahr hatten viele von ihnen keinen ausreichenden Impfschutz.

Dass nicht nur Kinder von Masern betroffen sind, zeigt sich auch daran, dass der größte Ausbruch seit 2001 nicht in einem Kindergarten begann, sondern in einer Unterkunft für Flüchtlinge – und nur deshalb so schnell um sich griff, weil vielfach der Impfschutz fehlte. 1353 Fälle gab es laut Lageso, vor allem junge Erwachsene und Kinder unter einem Jahr erkrankten. Seit Anfang Mai geht die Zahl der Masernfälle beständig zurück. Woran genau das liegt, ist unklar. Mögliche Gründe gibt es viele: die warme Jahreszeit, in der es typischerweise weniger Ansteckungen gibt, die Sommerferien, vorsichtige Eltern. Auch die Impftüchtigkeit vieler Berliner hat zugenommen.

„Wir haben viel, viel mehr geimpft“, sagt Christian Hessel, Kinderarzt in Prenzlauer Berg, einem der Ortsteile, der für seine Impfgegner bekannt ist. „Es wird mehr ab neun Monaten geimpft, nicht nur in meiner Praxis, auch bei Kollegen“, sagt er. Im Frühling hatte der Impfbeirat geraten, Kinder statt ab dem elften schon ab dem neunten Monat zu impfen. Auch viele Eltern haben bei Hessel ihren Impfschutz erneuert. Eigentlich ist das laut der Facharztordnung nicht erlaubt, Kinderärzte sind den Kindern vorbehalten, aber der Senat hatte angesichts der vielen Fälle eine Ausnahmeregelung erlassen, bis Ende des Jahres.

Auch ehemalige Impfgegner haben den Weg in Hessels Praxis gefunden. Entscheidend für den Sinneswandel waren häufig sozialer Druck und Angst vor den Folgen der Masernerkrankung. Der Tod eines Kleinkindes in Reinickendorf hatte auch die aufgerüttelt, die dem Impfen bis dahin skeptisch gegenüberstanden. Aber ob die Impfanstrengungen ausreichend waren, kann niemand sicher sagen. Die Sorge bestehe, dass im nächsten Winter die nächste Epidemie droht, sagt Dirk Werber. „Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass größere Ausbrüche in Berlin vorkommen, wenngleich nicht in jedem Jahr.“ Pascale Müller

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben